Von Dennis Schneider (Text)
Volkswagen steht vor einem der härtesten Einschnitte seiner jüngeren Geschichte. Konzernchef Oliver Blume hat am 18. Juni 2026 an der virtuellen Hauptversammlung der Volkswagen AG keinen einzelnen Kahlschlag verkündet, aber den Rahmen dafür gesetzt. Seine Botschaft war nüchtern, fast trocken: Der Konzern muss einfacher, schlanker und rentabler werden. Hinter dieser Sprache steckt ein massiver Umbau.
Offiziell bestätigt ist bereits ein Sparziel von umgerechnet mehr als 5,5 Milliarden Franken jährlich bis 2030. Wichtig: Das ist kein ausgewiesener Verlust, sondern der Betrag, den Volkswagen durch tiefere Kosten, weniger Personal und reduzierte Produktionskapazitäten einsparen will. Ebenfalls offiziell ist der Abbau von 50 000 Stellen in Deutschland bei Volkswagen, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad. Davon entfallen 35 000 Stellen auf die Volkswagen AG. Für mehr als 28 000 Austritte bis 2030 liegen laut Konzern bereits verbindliche Vereinbarungen vor.
Der Druck ist real. Volkswagen verkaufte 2025 weltweit rund 9,0 Millionen Fahrzeuge und erzielte einen Umsatz von umgerechnet rund 296,8 Milliarden Franken. Das klingt nach alter Stärke. Doch das operative Ergebnis sackte auf umgerechnet rund 8,2 Milliarden Franken ab, 53 Prozent weniger als im Vorjahr. Die operative Marge lag nur noch bei 2,8 Prozent. Für einen Konzern dieser Grösse ist das kein Totalschaden, aber ein Warnsignal mit Blaulicht.
Blume stellte an der Hauptversammlung acht zentrale Hebel vor. Volkswagen will die Modell- und Variantenvielfalt reduzieren, weniger Plattformen und Elektronikarchitekturen nutzen, Überkapazitäten abbauen, die Regionen stärker in die Verantwortung nehmen, Investitionen straffer steuern und Entscheidungswege verkürzen. Übersetzt heisst das: weniger Breite, weniger Komplexität, weniger teure Gewohnheit. Der Konzern will pro Modell wieder höhere Stückzahlen erreichen und seine Werke stärker an die tatsächliche Nachfrage anpassen.
Genau hier beginnt der heikle Teil. Laut Reuters und Manager Magazin prüft Volkswagen einen deutlich radikaleren Umbau. Im Raum stehen bis zu 100 000 Stellen weltweit und mögliche Schliessungen von vier deutschen Standorten: Hannover, Zwickau, Emden und Audi Neckarsulm. Bestätigt ist das nicht. Volkswagen kommentiert vertrauliche Unterlagen nicht. Die Pläne sollen nach Reuters-Informationen am 9. Juli im Aufsichtsrat besprochen werden. Sicher ist nur: Betriebsrat, IG Metall und das Land Niedersachsen stellen sich bereits quer. Bei VW schliesst man Werke nicht wie eine Filiale mit schlechter Kaffeemaschine. Dort hängt Politik, Mitbestimmung und deutsche Industriegeschichte an jeder Hallentür.
Besonders brisant ist die Rolle der Elektromobilität. Die Krise lässt sich nicht einfach darauf reduzieren, dass Elektroautos nicht laufen. 2025 lieferte der Volkswagen-Konzern weltweit 983 000 BEV aus, also reine batterieelektrische Fahrzeuge ohne Verbrennungsmotor. Das waren 32 Prozent mehr als im Vorjahr. In Europa legten die Auslieferungen dieser Elektrofahrzeuge sogar um 66 Prozent zu, Volkswagen sieht sich dort als Marktführer. Doch das Bild kippt, sobald man genauer hinschaut. Im ersten Quartal 2026 sanken die weltweiten BEV-Auslieferungen um 8 Prozent auf 200 000 Fahrzeuge. Gleichzeitig gingen die gesamten Auslieferungen in China um 15 Prozent und in Nordamerika um 13 Prozent zurück.
Das Problem sitzt also tiefer. Volkswagen hat in Europa eine starke E-Auto-Position, kämpft aber mit hohen Kosten, schwacher Profitabilität und teuren Kapazitäten. In China verliert der Konzern gegen lokale Hersteller, die schneller, günstiger und digitaler auftreten. In den USA belasten Zölle und schwächere Nachfrage. Dazu kommt ein Modellprogramm, das über Jahre immer breiter wurde und nun offenbar nicht mehr genügend Ertrag bringt.
Blumes Rede war deshalb weniger eine normale Sparansage als eine Korrektur der Konzernlogik. Volkswagen will nicht mehr überall alles anbieten, nicht mehr jede Variante pflegen und nicht mehr jede Produktionskapazität als heilige Kuh behandeln. Die harten Zahlen zeigen, warum: 9,0 Millionen Autos reichen nicht, wenn am Ende zu wenig Marge bleibt.
Ob aus den Berichten über 100 000 Stellen und vier Werke konkrete Beschlüsse werden, ist offen. Offiziell beschlossen ist der Sparkurs. Und der ist hart genug. Volkswagen baut nicht nur Kosten ab. Volkswagen räumt ein, dass das alte System zu schwer geworden ist.