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    Volle Werkstatt, leere Kasse: Deutschlands Reparaturbranche unter Druck

Von Dennis Schneider (Text)

In Deutschland steigt die Zahl der Insolvenzen im Fahrzeugreparaturmarkt deutlich. Hohe Energie- und Betriebskosten treffen auf sinkende Margen und weniger Reparaturvolumen. Für die Schweiz ist das mehr als eine Meldung aus dem Ausland.

Deutschlands Fahrzeugreparaturbranche gerät ins Schleudern. Nach einer Auswertung des deutschen Branchenportals schaden.news auf Basis der Insolvenzstatistik von Destatis wurden von Januar bis April 2026 insgesamt 95 Verfahren in der Kategorie «Instandhaltung und Reparatur von Kraftwagen» registriert. Destatis ist das Statistische Bundesamt Deutschlands und damit das deutsche Pendant zum Schweizer Bundesamt für Statistik.

Die Zahl liegt 25 Prozent über dem Vorjahreswert und ungefähr doppelt so hoch wie Anfang 2024. Erfasst werden allerdings nicht nur Carrosserie- und Lackbetriebe, sondern auch mechanische Werkstätten, Reifendienste, Autoglasbetriebe und weitere Reparaturunternehmen.

Dass es längst nicht mehr nur kleine Betriebe trifft, zeigen zwei prominente Fälle. Gambs Fahrzeugtechnik bei München und die Kaupp-Gruppe in Baden-Württemberg gerieten 2026 in Insolvenzverfahren. Beide Unternehmen beschäftigten jeweils rund 90 Mitarbeitende, hatten investiert und waren breit aufgestellt. Grösse schützt offenbar nicht mehr. Sie vergrössert im Ernstfall lediglich die Fallhöhe.

Die Gründe sind vielfältig, doch der deutsche Kostenblock fällt besonders schwer ins Gewicht. Der Wegfall günstiger russischer Gaslieferungen, der kostspielige Umbau des Energiesystems, hohe Netzentgelte und zusätzliche Abgaben belasten energieintensive Unternehmen. Gerade Lackieranlagen, Trocknungskabinen, Absaugungen und Druckluftsysteme benötigen viel Strom und Wärme.

Nach Angaben von Destatis lagen die Strompreise für kleinere deutsche Gewerbekunden Ende 2025 rund 28 Prozent höher als vor der Energiekrise 2021. Beim Gas betrug der Aufschlag in einer vergleichbaren Verbrauchsgruppe sogar über 90 Prozent. Die Energiewende ist damit nicht der einzige Grund für die Probleme, aber zweifellos ein Teil davon.

Gleichzeitig verteuerten sich Ersatzteile in Deutschland nach Berechnungen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft seit 2015 um mehr als 80 Prozent. Dazu kommen höhere Löhne, Lackmaterialien, Mieten, Ersatzfahrzeuge, Diagnosegeräte und Schulungen.

Auf der anderen Seite verhindern moderne Assistenzsysteme zunehmend Auffahr-, Parkier- und Spurwechselunfälle. Ältere Fahrzeuge wiederum werden bei grösseren Schäden schneller als wirtschaftliche Totalschäden abgeschrieben. Weniger Reparaturvolumen trifft somit auf höhere Fixkosten – eine Kombination mit dem Charme einer geöffneten Falltür.

Besonders heikel wird es bei gesteuerten Schäden. Versicherungen und Schadensteuerer bringen zwar Aufträge, verlangen dafür jedoch vertraglich festgelegte Konditionen. Bleiben die vergüteten Stundensätze hinter den tatsächlichen Kosten zurück, entsteht ein gefährliches Paradox: Die Werkstatt ist voll, verdient aber zu wenig. Viel Arbeit wird dann nicht zur Rettung, sondern zum Beschleuniger.

Aus Schweizer Sicht ist die Entwicklung relevant. Deutschland gehört zu unseren wichtigsten Wirtschaftspartnern und ist eng mit Schweizer Importeuren, Zulieferern, Versicherungen und Werkstattnetzwerken verflochten. Schwächelt die deutsche Wirtschaft, bleiben die Folgen selten nördlich des Rheins. Investitionen werden verschoben, der Preisdruck nimmt zu und Probleme in Lieferketten erreichen früher oder später auch Schweizer Betriebe.

Auch hierzulande sind die Konkurszahlen gestiegen. Gemäss CRIF wurden im ersten Quartal 2026 in der breiten Kategorie «Handel mit Motorfahrzeugen; Instandhaltung und Reparatur» 140 Konkurse eröffnet. Im Vorjahresquartal waren es 83. CRIF ist keine staatliche Behörde, sondern eine international tätige Wirtschaftsauskunftei. Das Unternehmen sammelt und analysiert unter anderem Handelsregister-, Bonitäts- und Unternehmensdaten.

Die Schweizer Zahlen sind allerdings nur bedingt mit Deutschland vergleichbar. Sie umfassen neben Reparaturbetrieben auch den Fahrzeughandel. Zudem können ausstehende Steuern und Sozialversicherungsbeiträge seit Anfang 2025 direkt auf Konkurs betrieben werden. Das Bundesamt für Statistik führt einen beträchtlichen Teil des allgemeinen Anstiegs auf diese Gesetzesänderung zurück.

Eine Pleitewelle unter Schweizer Carrosseriebetrieben lässt sich daraus nicht ableiten. Deutschland bleibt trotzdem ein Warnsignal. Hohe Auslastung, moderne Anlagen und eindrucksvolle Umsätze reichen nicht, wenn Energie, Material und Personal schneller teurer werden als die verrechenbare Arbeitsstunde.

Eine volle Werkstatt ist noch kein gesunder Betrieb. Manchmal ist sie bloss ein sehr geschäftiger Weg in die Insolvenz.