Von Dennis Schneider (Text)
Ein Auto lässt sich offenbar schneller nach Europa bringen als eine Stossstange. Der niederländische Versicherer Univé zieht daraus nun eine drastische Konsequenz: Für neun Marken schliesst er derzeit überhaupt keine neuen Autoversicherungen mehr ab.
Betroffen sind Hongqi, Changan, Voyah, KGM, Leapmotor, VinFast, Jaecoo, MHero und Omoda. Für Dongfeng, Lucid, Firefly, Nio und Zeekr bietet Univé lediglich die obligatorische Haftpflichtdeckung an. Teil- oder Vollkasko? Fehlanzeige.
Der Grund liegt weder in schlechten Crashtests noch in der chinesischen Herkunft der meisten Marken. Univé bemängelt fehlende oder schwer erhältliche Ersatzteile, unvollständige Reparaturinformationen sowie zu wenige qualifizierte Carrosseriebetriebe. Kurz: Verkaufen funktioniert. Reparieren wird kompliziert.
Wie kompliziert, zeigt ein von Univé geschilderter Fall. Bei einem amerikanischen Elektroauto führte ein kleiner Riss im Bereich der Vorderachse zum wirtschaftlichen Totalschaden. Die Reparaturanweisung des Herstellers verlangte offenbar den Austausch der kompletten Carrosserie. Aus einer begrenzten Beschädigung wurde damit ein Fall für den Taschenrechner – und der rechnete das Auto kurzerhand zu Tode.
Ein pauschaler Bann gegen neue oder chinesische Marken ist die Massnahme trotzdem nicht. Lynk & Co lässt sich bei Univé vollständig versichern. Auch BYD und Tesla nennt der Versicherer als Beispiele dafür, dass junge Marken innert vergleichsweise kurzer Zeit eine funktionierende Reparatur- und Teileversorgung aufbauen können.
Und die Schweiz? Eine öffentlich bekannte Marken-Sperrliste eines Schweizer Versicherers ist derzeit nicht auffindbar. Das bedeutet allerdings nicht, dass intern jeder Fahrzeugtyp widerspruchslos akzeptiert wird. Obwohl die Motorfahrzeughaftpflicht obligatorisch ist, können Schweizer Versicherer grundsätzlich selbst entscheiden, ob und in welchem Umfang sie einen Vertrag abschliessen.
Der wirtschaftliche Druck ist längst vorhanden. Laut AXA stiegen die durchschnittlichen Kosten eines Kollisionsschadens zwischen 2019 und 2024 um mehr als ein Fünftel auf knapp 3 400 Franken. Fehlen zusätzlich Ersatzteile, Reparaturvorgaben oder Kalibrierungsmöglichkeiten, wird aus einem schwer kalkulierbaren Schaden schnell ein schwer versicherbares Auto.
Wie unterschiedlich die Lage je nach Markt sein kann, zeigt ausgerechnet Leapmotor. In den Niederlanden lehnt Univé die Marke vollständig ab. In der Schweiz verfügt Leapmotor dagegen über rund 30 Händler- und Servicestützpunkte, wird von der Emil Frey Gruppe importiert und bietet mit «Leapmotor Protect» sogar eine eigene Versicherungslösung in Kooperation mit iptiQ von Allianz Direct an.
Dass die Sorgen dennoch nicht theoretisch sind, beweist Aiways. Mehr als 100 Fahrzeuge der inzwischen weitgehend verschwundenen Marke fahren in der Schweiz. Der frühere Importeur Astara betreut sie weiter, kann aber die Verfügbarkeit sämtlicher Ersatzteile ausdrücklich nicht garantieren.
Die Botschaft aus den Niederlanden ist deshalb deutlich: Eine Verkaufsorganisation ist noch lange kein Reparaturnetz. Wer neue Autos auf den Markt wirft, muss auch erklären können, wer sie nach einem Unfall wieder zusammensetzt. Sonst endet die Probefahrt womöglich nicht an der Ladestation – sondern beim Versicherungsberater.