Carwing-Redaktion (Text)
Erst die Kaufprämien, dann die Vorschriften, jetzt die Rückwärtsrechnung. Die Politik hat die Elektrowende gefördert und mit dem 2035-Ziel auf emissionsfreie Neuwagen festgelegt. Nun wird das grosse Versprechen in immer kleinere Prozentzahlen zerlegt.
2023 beschloss die EU, die durchschnittlichen CO₂-Auspuffemissionen neuer Personen- und Lieferwagen ab 2035 gegenüber 2021 um 100 Prozent zu senken. Faktisch das Aus für neue Benziner und Diesel mit herkömmlichen Treibstoffen. Doch bereits am 16. Dezember 2025 schlug die Kommission eine Lockerung auf 90 Prozent vor. Die verbleibenden Emissionen sollten über CO₂-armen EU-Stahl oder erneuerbare Treibstoffe ausgeglichen werden.
Am 20. Oktober 2026 legten laut Reuters Unterhändler von EVP, Sozialdemokraten und Renew nach: 87,5 Prozent weniger Auspuff-CO₂, ergänzt um bis zu 7,5 Prozentpunkte für CO₂-armen EU-Stahl. Rechnerisch wären das 95 Prozent – davon 87,5 am Auspuff. Für Lieferwagen sind 80 Prozent vorgesehen. Erneuerbare Treibstoffe und Sondergutschriften für kleine, effiziente Elektroautos sollen zusätzliche Spielräume schaffen. Aus dem klaren Schlussstrich wird ein Rechenmodell.
Währenddessen hinterlässt der industrielle Umbau tiefe Spuren. Zwischen Juni 2019 und Juni 2026 gingen in der deutschen Autoindustrie netto rund 140 000 Stellen verloren. Das ergibt eine Berechnung auf Basis der Beschäftigungszahlen des Statistischen Bundesamts Destatis. Der Herstellerverband VDA nennt die weniger komplexe Fertigung von Elektroautos und den geringeren Teilebedarf ausdrücklich als Gründe für Beschäftigungsverluste, besonders bei Zulieferern.
Noch ist der neue Kompromiss kein geltendes Recht. Zunächst müssen die Fraktionen zustimmen, anschliessend braucht es eine Einigung mit den Mitgliedstaaten. Bis dahin bleibt das beschlossene 100-Prozent-Ziel bestehen.
Aus dem angekündigten Verbrenner-Aus wird eine Bilanz aus Abgasen, Stahl und Sondergutschriften. Der Verbrenner könnte also überleben. Sein wichtigstes Zusatzaggregat wäre dann ein Wirtschaftsprüfer.