Von Dennis Schneider (Text)
Mobiles Arbeiten war früher eine Materialschlacht. Wer unterwegs Texte schreiben wollte, bestellte keine App, sondern eine 5,34 Meter lange Limousine – mit Chauffeur, Fernseher, Telefon und Bar. Zumindest, wenn man Philippe Bouvard hiess.
Der französische Journalist sowie Radio- und Fernsehmoderator ist am 24. August 2026 im Alter von 96 Jahren gestorben. In Frankreich war er jahrzehntelang eine Mediengrösse. Für Autofans ist allerdings eine andere Zahl interessanter: Bouvard soll im Laufe seines Lebens rund 200 Fahrzeuge besessen haben.
Die Zahl stammt von ihm selbst. Eine vollständige Liste existiert öffentlich nicht. Bekannt sind jedoch eine Lamborghini Miura, mehrere Ferrari – darunter Mondial Cabriolet, Testarossa und F40 – sowie verschiedene Rolls-Royce. Zeitweise standen bis zu acht Autos gleichzeitig in seiner Garage. Bouvard sammelte also nicht bloss. Er wechselte seine Fahrzeuge mit einer Konsequenz, die bei anderen Menschen eher für Hemden vorgesehen ist.
Besonders bemerkenswert sind zwei französische Limousinen. 1971 liess sich Bouvard von Henri Chapron eine schwarze Citroën DS 21 Prestige nach eigenen Vorstellungen ausstatten. Äusserlich blieb sie weitgehend eine gewöhnliche DS. Im Fond entstand dagegen eine rollende Chefetage.
Eine mit Edelholz verkleidete Trennwand separierte den Chauffeur vom Passagier. Die Scheibe liess sich elektrisch versenken. Hinzu kamen schwarzes Leder, ein Stereo-Radio, zwei ausklappbare Schreibplatten mit Intarsien, eine zentrale Bar, ein Fernseher und ein Radiotelefon. Mehrere Antennen auf Dach und Kofferraum signalisierten dezent, dass hier kein Vertreter zum nächsten Kundentermin fuhr.
Bouvard nutzte die DS tatsächlich zum Arbeiten. Aufnahmen des französischen Fernseharchivs INA zeigen ihn 1977 in seinem rollenden Büro. Während andere im Pariser Verkehr standen, schrieb er auf der Rückbank seine Texte und bereitete Sendungen vor.
1982 ersetzte Bouvard die DS durch eine Peugeot 604 HLZ. Heuliez verlängerte die grosse Peugeot-Limousine auf stattliche 5,34 Meter. Bouvard erklärte später, er habe direkt an der Konzeption mitgewirkt. Gemäss den Unterlagen des Auktionshauses Bonhams wurde der individuelle Innenausbau wiederum bei Chapron realisiert. Heuliez baute die Hülle, Chapron das Büro – französischer Fahrzeugbau als Gemeinschaftsproduktion.
Auch die 604 erhielt Radio, Fernseher, Videorekorder, Telefon und eine Arbeitsfläche. Sie diente als Büro, Kommunikationszentrale und bei längeren Fahrten sogar als Schlafzimmer. Ein früherer RTL-Mitarbeiter berichtete gegenüber «L’Argus», Bouvard habe seine Sendungen weitgehend im Auto vorbereitet und sei nur für die Aufzeichnung ins Studio gekommen. Über das Autotelefon blieb er mit seiner Assistentin verbunden, unterwegs schlief er quer auf der Rückbank.
Der Luxus war allerdings ungleich verteilt. Weil die Trennwand den Verstellweg des Fahrersitzes begrenzte, konnte Bouvards über 1,90 Meter grosser Chauffeur seinen Sitz nicht weit genug zurückschieben. Der Chef wohnte hinten, der Fahrer litt vorne. Oberklasse war damals noch eine klare Hierarchie.
Die DS wurde 2009 für 66 700 Euro versteigert und wechselte 2012 erneut für 57 500 Euro den Besitzer. Wo sie sich heute befindet, ist öffentlich nicht dokumentiert. Die Peugeot 604 schenkte Bouvard dagegen 1998 dem Musée de l’Aventure Peugeot in Sochaux. Dort wird das rollende Redaktionsbüro bis heute ausgestellt.
Heute verwandelt ein Laptop nahezu jedes Auto in einen Arbeitsplatz. Philippe Bouvard benötigte dafür zwei berühmte Carrossiers, einen Chauffeur und mehr als fünf Meter Peugeot. Effizienter ist die moderne Lösung zweifellos. Stilvoller? Eher nicht.