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    Funk statt Brecheisen: Der stille Keyless-Diebstahl

Man steht neben einem nagelneuen Auto, der Schlüssel steckt irgendwo in der Jackentasche, das Fahrzeug öffnet sich wie von selbst – und genau so leicht verschwindet es auch. Während der Komfort längst Serienstandard ist, wirkt die Sicherheit bei vielen Keyless-Systemen wie ein nachgereichter Gedanke. Der ADAC hat das nicht nur einmal behauptet, sondern in kontinuierlichen Tests belegt: Über 800 Fahrzeuge mit Keyless-Systemen wurden geprüft – und bei den allermeisten reichte ein simples Reichweiten-Verlängerungs-Setup, um sie zu öffnen und wegzufahren. Nur rund 15 Prozent der getesteten Modelle waren gegen diese Methode besser geschützt.

Das Prinzip hinter dem Trick ist so banal wie ärgerlich: Autodiebe müssen keine Daten «hacken», keine Software knacken, keine geheimen Codes auslesen. Sie verlängern schlicht das Funksignal zwischen Schlüssel und Auto. Ein Gerät bleibt in der Nähe des Schlüssels (auch im Haus, auch in der Wohnung), ein zweites am Fahrzeug. Plötzlich glaubt das Auto, der Schlüssel stehe direkt daneben – und entriegelt, lässt sich starten, fährt los. Genau diese Schwachstelle ist nicht neu: Bereits 2011 wurde sie von der ETH Zürich erkannt und öffentlich gemacht. Trotzdem rollt sie bis heute in Serie vom Band.

Besonders tückisch ist, dass der Angriff nicht daran scheitert, dass der Schlüssel «zu weit weg» liegt. Der Schlüssel kann im Flur hängen, auf dem Küchenboard liegen oder im Rucksack stecken – entscheidend ist nur, dass Diebe nahe genug an ihn herankommen, um das Signal aufzunehmen. Und wenn der Motor einmal läuft, fährt das Auto je nach System weiter, bis Benzin oder Batterie leer sind. Selbst ein kurzer Tankstopp oder Zwischenhalt kann reichen, um ein Fahrzeug weit zu verfrachten – der Schlüssel muss dafür nicht mit.

Damit nicht genug: Wer sein Auto später wiederfindet, hat im Zweifel das nächste Problem. Weil bei dieser Methode oft keine klassischen Aufbruchspuren entstehen, kann es bei der Schadenregulierung unangenehme Fragen geben – im Extremfall sogar den Verdacht, der Diebstahl sei nur vorgetäuscht. Genau deshalb wiederholt der ADAC seine Hinweise so penetrant: Weil die Praxis eben nicht nach Krimi aussieht, sondern nach «einfach weg».

Der Club fordert die Hersteller auf, die Fahrzeugelektronik systematisch nach modernen Sicherheitsstandards abzusichern – so, wie man es aus anderen IT-Bereichen seit Jahren kennt. Idealerweise mit neutraler Prüfung, etwa nach der international etablierten Common-Criteria-Methode. Der Kern der Forderung ist simpel: Ein teureres Komfortsystem darf nicht einfacher zu knacken sein als ein Standardschlüssel. Und wenn Hersteller als «Lösung» lediglich Bewegungssensoren im Schlüssel verbauen, dann sollten diese nach spätestens fünf Minuten Ruhezeit das Funksignal zuverlässig abschalten – alles andere lässt ein Fenster offen, das Diebe nur zu gern nutzen.

Technisch gibt es längst bessere Ansätze. Der ADAC verweist auf digitale Funktechnik mit Ultra-Wide-Band (UWB): Dabei wird nicht nur «irgendein Signal» gemessen, sondern über die Laufzeit der Funksignale präzise die Distanz zwischen Schlüssel und Auto bestimmt. Eine Funkverlängerung läuft dann ins Leere, weil das System die reale Entfernung erkennt und nicht mehr reagiert. Jaguar Land Rover setzte UWB laut Herstellerangaben ab 2018 in neuen Modellen ein (unter anderem Discovery sowie Range Rover/Range Rover Sport ab Modelljahr 2018, zudem Jaguar E-Pace und I-Pace). Seit 2019 folgten weitere Hersteller mit ersten UWB-geschützten Modellen, darunter Audi (z. B. A3, Q4 e-tron), Cupra (Born, Formentor), Seat (Leon), Skoda (Enyaq, Octavia) und Volkswagen (Golf 8, ID.-Modelle, Caddy, T7). Auch von BMW, Genesis, GWM, Hyundai, Kia, Mercedes und Suzuki gibt es laut ADAC erste Modelle mit besserem Schutz. Der entscheidende Punkt: Es geht – wenn man will.

Bis das überall Standard ist, bleibt für Besitzer vor allem Schadensbegrenzung. Wer ein Keyless-Auto fährt, sollte zuerst in der Betriebsanleitung prüfen, ob sich die Funktion deaktivieren lässt – manchmal per doppeltem Druck auf die Schliessen-Taste, manchmal über das Fahrzeugmenü, manchmal nur in der Werkstatt. Das ist die wirksamste Massnahme gegen die beschriebene Reichweiten-Verlängerung, kostet aber eben Komfort. Wer noch vor dem Kauf steht, sollte den Sicherheitsaspekt nüchtern mitdenken: Keyless ist praktisch, aber nicht gratis – und nicht nur beim Aufpreis.

Im Alltag helfen ein paar simple Gewohnheiten: Das Auto über Nacht wenn möglich in eine verschlossene Garage stellen. Den Funkschlüssel in Gebäuden nicht direkt bei Türen, Fenstern oder Aussenwänden lagern, wo sich Signale leichter «abgreifen» lassen. Und ja: Abschirmung kann funktionieren – Metalldose, abschirmendes Etui, notfalls auch Alufolie. Nur muss es wirklich dicht sein. Der Praxistest ist simpel: Schlüssel einpacken, direkt an die Fahrertür gehen (unter einem Meter) und prüfen, ob das Auto ohne Tastendruck öffnet. Wenn ja, war die «Abschirmung» eher Dekoration.

Was wenig taugt, klingt oft besonders verlockend: Nachrüst-Lösungen, die per Elektronik einen Start- oder Stromkreis unterbrechen sollen, sind keine Garantie – manche arbeiten am Ende mit zusätzlichem Keyless und bleiben damit grundsätzlich angreifbar. Wer Keyless bei älteren Fahrzeugen nachrüsten will, landet schnell bei teuren, professionellen Varianten: neue Türgriffe, mehrere Antennen, viel Verkabelung – ein komplexer Eingriff, der sauber gemacht werden muss. Günstigere Kits sind besonders heikel, weil teils Eingriffe an der Wegfahrsperre vorgesehen sind oder abenteuerliche «Tricks» kursieren. Davon rät der ADAC ausdrücklich ab.

Und dann ist da noch der «Schlüssel» im Smartphone: Einige Modelle lassen sich per Handy öffnen, schliessen und starten, oft über einen virtuellen Autoschlüssel im Wallet. Praktisch – aber sicherheitstechnisch bleibt vieles offen, weil unabhängige Tests laut ADAC bislang fehlen. Immerhin: Wo ein Passwort fürs Öffnen möglich ist, empfiehlt der ADAC das ausdrücklich, auch wenn es den Komfort ausbremst. Ohne Sperre gilt sonst das alte Prinzip: Wer das Telefon hat, hat womöglich auch das Auto.

Dass das Thema nicht bei Autos endet, zeigt ein kurzer Blick auf Motorräder. Der ADAC hat praktische Versuche mit vier Keyless-Motorrädern durchgeführt – ebenfalls mit Funkstrecken-Verlängerern. Ergebnis: Bei allen liessen sich Lenkerschloss und Zündung aktivieren, Starten und Wegfahren waren möglich. Die Empfehlung ist entsprechend bodenständig: zusätzliche mechanische Sicherung, etwa ein Bremsscheibenschloss – denn Elektronik allein ist hier oft mehr Einladung als Hürde.

Keyless ist bequem, keine Frage. Aber Bequemlichkeit ist kein Sicherheitskonzept. Wer sein Auto schon beim Annähern automatisch öffnen lässt, sollte wenigstens nicht auch noch die Augen automatisch schliessen.