Von Dennis Schneider
Die Präsentation in San Francisco liegt schon ein paar Wochen zurück. Normalerweise wäre so ein Showcar damit längst wieder im digitalen Nebel verschwunden. Doch dieses hier bleibt hängen. Nicht, weil wieder irgendein Hersteller ein paar hundert zusätzliche Elektro-PS verspricht, sondern weil Dreame gleich die nächste Eskalationsstufe zündet: Die Chinesen wollen nun offenbar sogar Raketenautos bauen.
Dreame? Genau: jener chinesische Tech-Konzern, der bisher vor allem mit Saugrobotern, Akkusaugern und Haushaltsgeräten bekannt wurde. Nun also Hypercar statt Haushalt. Der Nebula «NEXT 01 JET Edition» soll laut Unternehmen nicht nur elektrisch fahren, sondern zusätzlich von zwei Feststoff-Raketenboostern angeschoben werden. Die Ansage dazu ist entsprechend selbstbewusst: 0 auf 100 km/h in 0,9 Sekunden, eine Reaktionszeit von 150 Millisekunden und ein maximaler Schub von 100 Kilonewton.
Das klingt nach Science-Fiction, ist aber nicht einfach als Spassnummer abzutun. Chinesische Hersteller haben in den letzten Jahren eindrücklich bewiesen, dass sie nicht mehr nur kopieren, sondern entwickeln, industrialisieren und in beeindruckendem Tempo auf den Markt bringen können. Gleichzeitig bleibt beim Dreame-Projekt eine gesunde Portion Skepsis angebracht. Denn konkrete Angaben zu Batterie, Reichweite, Gewicht, Preis, Homologation oder einem verbindlichen Serienstart fehlen weiterhin. Und ein Feststoffraketen-Booster ist nun einmal kein besonders scharf abgestimmter Sportmodus, sondern ein pyrotechnisches Bauteil mit erheblichem Erklärungsbedarf.
Technisch garniert Dreame das Konzept mit den grossen Schlagworten der Branche: Steer-by-Wire, Brake-by-Wire, aktives Fahrwerk, LiDAR und weitreichende autonome Fahrfunktionen. Gemeint sind damit elektronische Lenk- und Bremssysteme ohne klassische direkte Mechanik, ein Fahrwerk, das sich laufend an Tempo und Strassenzustand anpasst, sowie Laserscanner, die die Umgebung dreidimensional erfassen sollen. Kurz: Der Nebula will nicht nur schnell sein, sondern auch das ganze Paket moderner Hightech-Mobilität mitbringen. Das liest sich wie das komplette Wunschmenü der Elektromobilität – inklusive Dessert aus der Raumfahrtabteilung. Ob daraus tatsächlich ein strassentaugliches Serienauto wird, ist offen. Wahrscheinlicher ist, dass die JET Edition vorerst vor allem als spektakulärer Imageträger dient.
Ganz aus der Luft gegriffen ist Dreames Auto-Offensive allerdings nicht. Das Unternehmen arbeitet laut Medienberichten am Aufbau eines eigenen Automobilteams und soll auch Produktionspläne in Europa geprüft haben. Ein erstes Luxus-Elektroauto könnte frühestens 2027 folgen. Der Raketen-Dreame dürfte dabei weniger das fertige Modell als vielmehr die lauteste Visitenkarte sein.
So bleibt der Nebula «NEXT 01 JET Edition» vorerst ein rollendes Ausrufezeichen: halb Technikversprechen, halb Showbühne. Ernst nehmen sollte man Dreame als neuen Auto-Akteur durchaus. Nur beim Raketenantrieb darf man noch etwas Abstand halten – nicht nur journalistisch.