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    Stromstoss mit Stachel: Im Abarth 600e Scorpionissima über den Pass

Von Dennis Schneider

Der Abarth 600e Scorpionissima ist ein Auto, das seine Zurückhaltung ungefähr so glaubwürdig spielt wie ein Startnummernfeld beim Bergrennen. Schon im Stand macht er klar, dass hier nicht einfach ein elektrischer Klein-SUV mit ein paar Aufklebern vorfährt. Hypnotic Purple, 20-Zoll-Räder, tiefergelegtes Fahrwerk, Abarth-Heckspoiler, rote Alcon-Bremssättel und dieser breite, leicht finstere Blick: Das ist kein leises Wegducken in der elektrischen Vernunftklasse. Das ist ein Skorpion, der sich die Steckdose nicht als Ausrede nimmt.

Getestet wurde der Abarth 600e Scorpionissima, also die limitierte Launch Edition des stärksten Serien-Abarth aller Zeiten. Der Elektromotor leistet 280 PS (207 kW), das maximale Drehmoment beträgt 345 Nm. Der Sprint von 0 auf 100 km/h ist in 5,85 Sekunden erledigt, bei 200 km/h wird elektronisch abgeregelt. Der Testwagen kostete in der Schweiz 47 400 Franken, inklusive der Lackierung Hypnotic Purple. Die WLTP-Reichweite liegt bei 321 Kilometern, der kombinierte Verbrauch bei 18,8 kWh/100 km. Das sind keine Fantasiewerte aus der Abteilung Prospektpoesie, sondern die nüchternen Eckdaten eines Autos, das sich emotional deutlich weniger nüchtern benimmt.

Im Alltag zeigt der Scorpionissima zunächst, dass er mehr kann als nur laut auftreten. Die Sitzposition ist sportlich, die Sabelt-Sitze mit Alcantara-Prägung packen ordentlich zu, ohne gleich den Rennanzug zu verlangen. Das Alcantara-Lenkrad liegt gut in der Hand, das 10,25-Zoll-Infotainment mit Navigation wirkt bekannt aus dem Stellantis-Regal, wird hier aber mit Abarth-Grafiken und Performance-Anzeigen auf sportlich getrimmt. Dazu kommen Klimaautomatik, Keyless Entry, elektrische Heckklappe, Rückfahrkamera, Parkassistenten und ein ordentliches Paket an Fahrhilfen. Kurz: Der Abarth spielt Rennsport, vergisst aber nicht, dass man auch mal einkaufen muss.

Entscheidend ist jedoch, was passiert, sobald die Strasse enger wird. In Graubünden, auf einer Passstrasse, fühlt sich der 600e erstaunlich wach an. Die Carrosserie bleibt straff geführt, die Lenkung reagiert direkt, die Bremsanlage packt kräftig zu, und das mechanische Torsen-Sperrdifferential arbeitet spürbar daran, die Leistung sauber auf die Vorderräder zu bringen. Das ist bei einem frontgetriebenen Elektroauto mit 280 PS keine Nebensache. Es ist eher der Unterschied zwischen Fahrspass und Kraftakt.

Die Fahrmodi sind dabei mehr als Dekoration im Menü. Im Modus Turismo wird der Abarth gezähmt: sanftere Beschleunigung, 190 PS (140 kW), 300 Nm und eine auf 150 km/h begrenzte Höchstgeschwindigkeit. Das wirkt nicht lahm, sondern vernünftig dosiert. Für den Alltag, für die Stadt, für die Pendelstrecke oder für Tage, an denen man nicht jede Kurve mit hochgezogener Augenbraue nehmen will, passt das gut. Der Wagen bleibt lebendig, aber er spielt nicht ständig den elektrischen Terrier.

Scorpion Street ist der ausgewogenste Modus. Hier stehen beim Scorpionissima 231 PS (170 kW) und die vollen 345 Nm bereit, die Höchstgeschwindigkeit steigt auf 180 km/h. Auf der Passstrasse ist das die Einstellung, in der der Abarth am überzeugendsten wirkt. Genug Druck, genug Biss, genug Direktheit – aber ohne jene leichte Unruhe, die im stärksten Modus auftreten kann. Man fährt zügig, präzise, mit Freude. Der Wagen wirkt gespannt, aber nicht nervös. Genau hier trifft er seinen Sweet Spot.

Scorpion Track ist dann die andere Seite des Charakters. Hier gibt der 600e alles frei: 280 PS (207 kW), 345 Nm, 200 km/h Spitze, schärfere Gaspedalkennlinie, sportlichere Lenkung und eine freiere ESP-Abstimmung. Das klingt nach Rennstrecke, und genau dort gehört dieser Modus im Idealfall auch hin. Auf einer schmalen Bergstrasse muss man wissen, was man tut. Beim kräftigen Beschleunigen reisst es spürbar am Lenkrad, die Vorderachse arbeitet, das Sperrdifferential zieht, die Reifen suchen Traktion, und der Fahrer sollte beide Hände dort haben, wo sie hingehören. Das ist nicht gefährlich im plumpen Sinn. Aber es ist ehrlich. Der Abarth kaschiert seine Kraft nicht mit Watte, er reicht sie direkt weiter.

Gerade das macht den Reiz aus. Viele Elektroautos beschleunigen schnell, aber klinisch. Sie schieben nach vorne wie ein sehr teurer Lift. Der Abarth 600e Scorpionissima macht es anders. Er wirkt mechanischer, ruppiger, greifbarer. Das liegt nicht zuletzt an der Vorderachse, an der Sperre, an der straffen Abstimmung und an der Art, wie die Leistung ankommt. Man spürt, dass hier nicht einfach eine Batterie auf Räder gestellt wurde, sondern dass Abarth versucht hat, dem Elektroantrieb eine eigene Handschrift zu geben.

Natürlich hat das Grenzen. Der Scorpionissima ist kein filigraner Leichtbau-Sportwagen, sondern ein kompakter Elektro-Crossover mit entsprechendem Gewicht. Wer alte Abarth-Modelle als kleine, vibrierende Krawallbüchsen in Erinnerung hat, wird hier eine andere Sorte Gift finden. Weniger Benzingeruch, weniger Auspufftheater, mehr Drehmoment, mehr Technik, mehr Grip. Der Soundgenerator versucht, etwas akustische Dramatik beizusteuern. Man kann das mögen, man kann es auch als digitale Operette empfinden. Immerhin passt es zur Marke: Abarth war nie dafür bekannt, unauffällig in der zweiten Reihe zu sitzen.

Im Innenraum bleibt der Eindruck solide. Die Sportsitze sind klar ein Pluspunkt, das Lenkrad ebenso. Die Bedienung ist nicht überall ein Musterbeispiel italienischer Klarheit, aber nach kurzer Eingewöhnung findet man sich zurecht. Die Materialanmutung ist ordentlich, die sportlichen Details sitzen an den richtigen Stellen. Der Kofferraum und die Platzverhältnisse bleiben alltagstauglich genug, um den 600e nicht als reines Wochenendspielzeug abzustempeln. Das ist vielleicht sein wichtigster Punkt: Er kann attackieren, muss aber nicht immer.

Auf längeren Strecken wird man den Turismo-Modus häufiger nutzen, als es der eigene Stolz vielleicht zugeben möchte. Die Reichweite von 321 Kilometern ist brauchbar, aber nicht üppig. Wer ständig im Track-Modus unterwegs ist, darf sich über sinkende Restkilometer nicht wundern. Physik bleibt Physik, auch wenn ein Skorpion auf der Haube klebt. Dafür passt das Konzept: Der Abarth will kein Reichweitenkönig sein. Er will ein elektrischer Sportler sein, der den Alltag mitnimmt.

Am Ende überzeugt der Abarth 600e Scorpionissima gerade deshalb, weil er nicht glattgebügelt wirkt. Er ist schnell, straff, direkt und im stärksten Modus durchaus fordernd. Scorpion Street macht ihn auf Schweizer Passstrassen wunderbar fahrbar, Scorpion Track setzt die volle Portion Schärfe frei. Wer dort beherzt aufs Fahrpedal tritt, sollte das Lenkrad nicht nur halten, sondern führen. Das ist keine Schwäche, sondern Teil seines Charakters. Ein Auto mit 280 PS auf der Vorderachse darf sich bemerkbar machen. Alles andere wäre nur elektrische Höflichkeit. Und Höflichkeit war noch nie die Kernkompetenz von Abarth.

Zur Einordnung: Der getestete Abarth 600e Scorpionissima war die limitierte Launch Edition des stärksten Serien-Abarth. In der Schweiz wird dieses Sondermodell nun vom neuen Abarth 600e Competizione abgelöst. Ein technischer Quantensprung ist das nicht, eher ein Namenswechsel mit neuer Modelljahres-Logik: Die Eckdaten bleiben praktisch identisch, mit 280 PS (207 kW), 345 Nm, mechanischem Torsen-Sperrdifferential, Sportbremsanlage mit Monoblock-Bremssätteln, Sabelt-Racing-Sitzen und der bekannten Rennsport-Würze. Neu ist vor allem die Rolle des Autos. Aus der limitierten Scorpionissima-Edition wird das reguläre Topmodell Competizione, dazu kommen neue Farben, optionale Zweifarbenlackierungen und ein spezifischer Grafik-Kit. Hypnotic Purple, die Farbe des Testwagens, tritt dabei offenbar ab; Shock Orange, Acid Green, Antidote White und Venom Black übernehmen die Bühne. Der Competizione ist ab 47 400 Franken bestellbar, darunter bleibt der Abarth 600e Turismo mit 240 PS (175 kW) ab 43 400 Franken im Programm. Der Name ändert also, der Stachel bleibt – und die violette Launch-Edition übergibt die Bühne nun an das reguläre Topmodell. 

 

Abarth 600e Scorpionissima
Preis Testwagen 47 400 Fr.
Antrieb / E-Motor Front, 280 PS (207 kW) / 345 Nm
Batteriekapazität 54 kWh (51 kWh netto)
Ladeleistung AC / DC 11 / 100 kW
0 – 100 / Spitze 5,85 Sek., 200 km/h
Verbrauch (WLTP) 18,8 kWh / 100 km
Reichweite (WLTP) 321 km
Länge / Breite / Höhe 4,19 / 1,81 / 1,50 m
Leergewicht 1640 kg
Kofferraum 360 Liter

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