Von Heinz Schneider (Text)
Das erste Mal, als ich den Golf GTI erfahren konnte, war 1976. Also genau in jenem Jahr, in dem er das Licht der Autowelt erblickte – nicht mit Trommelwirbel und rotem Teppich, sondern eher mit hochgezogener Augenbraue und der Frage: Braucht es das wirklich, einen Golf mit Pfeffer im Auspuff? Ein Freund der Familie hatte einen. Und weil dieser Freund wusste, dass ein nicht geringer Benzinpegel durch meine Adern fliesst, nahm er mich gelegentlich auf Ausflüge mit.
Ich war beeindruckt. Sehr sogar. Obwohl damals mein heimlicher Favorit aus Frankreich kam: Die Renault 5 Alpine, dieser kleine Gallier in Turnschuhen, charmant, frech und mit 93 PS keineswegs schüchtern motorisiert. Später wurde es mit dem Turbo noch wilder, breiter, lauter – eine automobile Ohrfeige aus Dieppe.
Gekauft habe ich weder die Alpine noch den Golf GTI. Was vielleicht bedauerlich ist. Vielleicht aber auch gut, denn manche Legenden bleiben in der Erinnerung schöner, wenn man sie nicht mit Versicherungsprämien, Roststellen und Wartungsrechnungen vermischt. Den GTI aber habe ich immer bewundert – mit jener stillen Anerkennung, die man Dingen entgegenbringt, die einfach stimmen. Seine Ausgewogenheit, die technische Reife, seine Fähigkeit, morgens zur Arbeit zu fahren, mittags vor dem Einkaufszentrum zu stehen und abends auf einer kurvigen Landstrasse so zu tun, als habe jemand zwischen Feierabendverkehr und Dorfkreisel heimlich ein Stück Klausenpass verlegt. Das war und ist schon eindrücklich.
Seit 2020 rollt die achte Modellgeneration über die Strassen. Die Basisversion mit Zweiliterbenziner und Siebenstufen-DSG leistet 265 PS und kostet ab rund 50 000 Franken. Der 300 PS starke Clubsport liegt bei rund 54 000 Franken. Aus dem einstigen Lausbuben ist also längst ein Herr mit Kreditkartenformat geworden.
Zum 50. Geburtstag hat VW noch einen draufgelegt: Der GTI «Edition 50» kostet ab 56 700 Franken und ist mit 325 PS (420 Nm) der stärkste GTI aller Zeiten. 270 km/h Spitze, 5,3 Sekunden auf 100 km/h, DCC-Sportfahrwerk und Vorderachs-Quersperre – das ist kein Geburtstagskuchen mit Kerzen mehr, das ist eine Schwarzwälder Torte mit Nitrofüllung.
Bei uns ist das Jubiläumsmodell auf 270 Einheiten limitiert. Ob Kaufinteressenten nun zu spät zur GTI-Party erscheinen oder ob in der einen oder anderen offiziellen VW-Garage noch ein Platz am Gabentisch frei ist, lässt sich nur dort verbindlich klären. Der GTI war eben immer begehrt. Sogar begehrter, als es VW selbst erwartet hatte.
Denn ursprünglich war der erste GTI nicht als Weltkarriere geplant. Eher als freche Sondernummer. 5000 Stück wollte man bauen, eine Art interner Befreiungsschlag für Leute, die glaubten, dass ein vernünftiges Auto nicht zwingend langweilig sein muss. Doch dann passierte, was bei guten Ideen manchmal passiert: Die Kundschaft verstand sie schneller als die Controller. Schon Ende 1976 war die geplante Stückzahl deutlich übertroffen. Der GTI hatte gezündet. Und zwar nicht nur im Zylinderkopf.
Dabei hatte er es nie einfach. Er musste Golf bleiben. Also praktisch, übersichtlich, alltagstauglich, robust, erschwinglich im Geist – und gleichzeitig sportlich, direkt, emotional. Ein Auto für den Weg zur Arbeit, aber mit der Bereitschaft, auf dem Heimweg plötzlich eine andere Route zu nehmen. Das war der grosse Trick. Der GTI war kein Sportwagen, der sich in den Alltag verirrte. Er war ein Alltagsauto, das sich heimlich ein Sportabzeichen ans Revers steckte. Genau darin lag seine Genialität.
Die erste, von 1976 bis 1983 gebaute Baureihe trug den 110 PS starken Vierzylinder aus dem Audi 80 GTE unter der Haube. 1,6 Liter, rund 810 Kilo Gewicht, dazu ein Fahrwerk, das nicht lange überlegte, sondern machte. Das reichte für Fahrleistungen, die damals weit über dem lagen, was man einem Kompakten zutraute. In Deutschland kostete der GTI damals 13 850 Mark. Dafür gab es ein Auto, das nicht nur transportierte, sondern animierte. Im letzten Modelljahr wuchs der Hubraum auf 1,8 Liter. Und schon 1990 stand mit dem G60 und 160 PS die nächste Eskalationsstufe bereit – Kompressor statt Krawatte.
Auch optisch spielte der GTI seine Rolle von Anfang an mit bemerkenswerter Konsequenz. Der rote Rahmen im Kühlergrill wurde zum Erkennungszeichen, als hätte jemand mit dem Filzstift eine feine Kampflinie gezogen. Die Sportsitze im Karo-Look sahen aus, als habe ein britischer Herrenschneider einen Ausflug in die Boxengasse gemacht. Und der Schaltknauf in Golfballform war so simpel wie genial: Ein kleines Stück Designhumor für die rechte Hand. Früher war der GTI selbstverständlich ein Dreitürer. Heute hat er fünf Türen. Die Welt ist praktischer geworden. Vielleicht auch etwas bequemer. Aber die Idee ist geblieben.
Diese Idee hat inzwischen 2,5 Millionen Käufer gefunden, davon rund 140 000 in der Schweiz. Das ist bemerkenswert, weil wir zwar ein kleines Land sind, aber beim Auto gern ganz genau hinschauen. Hier muss ein Fahrzeug nicht nur schnell sein, sondern auch sauber verarbeitet, verlässlich, wertstabil und am besten noch bergtauglich. Der GTI passte dazu. Er war nie der Lauteste im Dorf, eher der, der nicht gross redet und trotzdem als Erster am Ziel ist. Ein Auto mit Haltung, aber ohne Goldkettchen.
Von 1976 bis heute: Die GTI-Baureihen auf einen Blick
Golf I GTI – 1976 bis 1983
1,8 Liter, 110 PS, 810 Kilo leicht, Spitze 182 km/h. Gesamtauflage: 461 700
Golf II GTI – 1984 bis 1991
1,8 Liter, 112 PS, 1990 sind eine Million GTI verkauft. Gesamtauflage: 628 000
Golf III GTI – 1991 bis 1997
1,8 Liter, 115 PS, Modell «GTI 16V» kommt mit 150 PS, Gesamtauflage: 327 000
Golf IV GTI – 1998 bis 2003
4- und 5-Zylinder, 170 PS, 2001 gibts Turbo mit 180 PS, Gesamtauflage: 164 900
Golf V GTI – 2004 bis 2008
Turbobenziner, 200 PS, 2006 gibts «Edition 30» mit 230 PS, Gesamtauflage: 181 000
Golf VI GTI – 2009 bis 2012
Topversion: «Edition 35» mit 235 PS, ab 2012 als Cabriolet, Gesamtauflage: 199 900
Golf VII GTI – 2013 bis 2020
220/230 PS, später Clubsport S (310 PS) und TCR (290 PS). Gesamtauflage: 390 000