Von Dennis Schneider (Text)
Normalerweise baut Aston Martin Autos für Menschen, denen ein gewöhnlicher Sportwagen ein wenig zu gewöhnlich ist. Nun erweitert die britische Nobelmarke ihr Tätigkeitsfeld: Panzerung, Waffenfach, Reservetanks. Fehlt eigentlich nur noch die Teemaschine. Zum Glück findet das Ganze vorerst nur auf dem Bildschirm statt.
Dreadnought heisst das Ungetüm, das Aston Martin gemeinsam mit dem Entwicklerstudio Infinity Ward für «Call of Duty: Modern Warfare 4» geschaffen hat. Ein taktischer Allrad-SUV mit V12, Supersportwagen-Performance und militärischer Panzerung. Vernunft spielte bei der Entwicklung eine überschaubare Rolle. Sie musste es auch nicht: Der Dreadnought wurde für eine Welt konstruiert, in der weder Abgasnormen noch Fussgängerschutz oder vermutlich eine MFK existieren.
Ganz auf die britische feine Art verzichten wollten die Designer trotzdem nicht. Zwischen Panzerplatten und digitaler Gefechtsausrüstung finden sich Oxford-Tan-Leder, Carbon im Fischgrätmuster, ein goldfarbener Schalthebel und Türscharniere in Satin Gold. Wenn schon ins Gefecht, dann wenigstens geschmackvoll.
Entworfen wurde der Dreadnought vom echten Aston-Martin-Designteam. Chefdesigner Marek Reichman beschreibt ihn als einen Aston Martin «amplified without restraint» – einen Aston also, bei dem sämtliche Zurückhaltung über Bord geworfen wurde. Seine Lackierung in Chiltern Green sorgt immerhin dafür, dass die rollende Festung trotz martialischer Erscheinung ihre Herkunft nicht ganz verleugnet.
Ganz virtuell blieb das Monstrum übrigens nicht. Für seine Premiere am Fanatics Fest in New York liess Aston Martin eine lebensgrosse physische Interpretation bauen. Kaufen kann man sie allerdings nicht. Ab dem 23. Oktober dürfen Spieler den Dreadnought in «Modern Warfare 4» sowie in «Call of Duty: Warzone» bewegen.
Hinter dem martialischen Spektakel steckt freilich eine ziemlich nüchterne Strategie. Aston Martin will mit dem Auftritt in der Gaming-Welt eine jüngere Generation erreichen – ausdrücklich die Luxuskunden von morgen. Früher hing das Aston-Martin-Poster über dem Kinderbett. Heute parkiert der erste Aston eben in der PlayStation.
Und vielleicht ist das sogar die bemerkenswerteste Zahl am ganzen Dreadnought: Für einmal kostet ein neuer V12-Aston keine 300'000 Franken. Nur ein Videospiel – und ein paar Leben.