Von Dennis Schneider (Text)
Ein Cabrio? Ja, aber nicht in jener alten Lehrbuchform, bei der Wind, Lärm und ein bisschen masochistische Romantik serienmässig mitfahren. Renault macht es beim Renault 4 E-Tech electric «plein sud» anders. Kein vollständig offener Aufbau, kein Roadster-Theater, sondern ein grosses elektrisch betätigtes Stofffaltdach, das aus dem kompakten Elektro-Crossover ein erstaunlich entspanntes Freiluftauto macht.
Bei der Präsentation in Barcelona und auf den Strassen rund um die katalanische Metropole zeigte sich schnell: Das ist kein blosses Marketingdach für den Prospekt. Der offene R4 fährt sich angenehm leicht, ruhig und unkompliziert. Vor allem überrascht, wie niedrig die Windgeräusche bei vollständig geöffnetem Dach bleiben. Man fährt offen, aber nicht ausgeliefert. Kein unangenehmes Wummern, kein nervöses Flattern, kein akustischer Campingplatz auf Rädern. Die Luft kommt ins Auto, aber sie randaliert nicht.
Renault greift mit dieser Variante bewusst in die eigene Geschichte. Der ursprüngliche R4 war das berühmte «Blue-Jeans-Auto»: robust, einfach, praktisch, beinahe unanständig vernünftig. Gleichzeitig gab es schon damals offene Ableger wie den Plein Air oder Versionen mit grosszügigen Dachlösungen. Die neue Freiluftversion spielt mit dieser Erinnerung. Nur eben nicht mehr mit Vergaser, Blechcharme und französischer Laune, sondern mit Elektromotor, Assistenzsystemen und digitalem Bedienkonzept.
Der Clou liegt im Dach. Die Öffnung ist gross genug, damit nicht nur vorne etwas Himmel ins Auto fällt, sondern auch die zweite Reihe davon profitiert. Das Stofffaltdach öffnet und schliesst elektrisch, per Taste oder Sprachbefehl über den Renault-Assistenten Reno. Auch während der Fahrt funktioniert das bis 90 km/h. Das klingt nach Detail, ist im Alltag aber entscheidend. Wenn ein Schauer kommt, muss niemand anhalten und an einem Verdeck herumzerren wie an einem widerspenstigen Zelt.
Aussen bleibt der neue Vierer weitgehend sich selbst treu. Die bekannte Front, die kantige Silhouette, die Retro-Anspielungen und die kompakten Proportionen bleiben erhalten. Nur das schwarze Stoffdach verändert die Seitenansicht. Die Dachreling entfällt, die Antenne wandert in die Heckscheibe. Aus dem kleinen Stromer wird also kein anderes Auto, sondern die luftigere, freundlichere Interpretation des bestehenden Modells. Renault bohrt ein Stück Himmel in den Wagen, ohne daraus gleich ein rollendes Freizeitkostüm zu machen.
Gerade diese Zurückhaltung tut ihm gut. Auf den ersten Kilometern in Barcelona wirkt der Franzose nicht nervös, nicht künstlich sportlich und nicht überambitioniert. Er fährt sauber an, lenkt leicht ein und bleibt auch auf schneller gefahrenen Abschnitten angenehm stabil. Der 150-PS-Elektromotor passt gut zum Charakter: genug Druck für Stadt, Landstrasse und Autobahn, aber keine Inszenierung, als müsste ein kleiner Elektro-Crossover plötzlich den Col de Turini erklären.
Auch abseits des Asphalts durfte die Stoffdach-Variante zeigen, dass der Name R4 nicht nur Dekoration ist. Natürlich ist das kein 4x4. Wer hier einen elektrischen Geländewagen erwartet, hat vermutlich auch bei Espressomaschinen Anhängelast gesucht. Aber sobald der Asphalt endet und der Untergrund gröber wird, macht das Auto eine überraschend gute Figur. Die Federung arbeitet komfortabel, die Carrosserie bleibt ruhig, die Bodenfreiheit hilft, und die Mehrlenker-Hinterachse bringt mehr Souveränität, als man dem Wagen auf den ersten Blick zutraut. Für leichtes Gelände, Zufahrtswege, Ferienhaus-Schotter und Wochenendausflüge reicht das völlig.
Wichtig ist: Der Open-Air-R4 verliert dabei kaum seinen Nutzwert. Fünf Türen, fünf Plätze, ein brauchbarer Kofferraum, eine niedrige Ladekante und sogar Anhängelast bleiben erhalten. Das ist nicht selbstverständlich, denn Lifestyle-Versionen neigen gern dazu, Praktikabilität als bürgerliches Missverständnis zu behandeln. Renault macht hier das Gegenteil. Der Kleine bleibt ein Familien-, Freizeit- und Alltagsauto. Nur mit besserer Aussicht nach oben.
Im Innenraum setzt die Marke auf das bekannte digitale Bedienkonzept mit OpenR link. Dahinter steckt Renaults Infotainmentsystem mit Touchscreen, Navigation, Google-Diensten und App-Anbindung. Der Avatar Reno ist eine Art digitaler Assistent, der Fragen beantworten und einzelne Funktionen per Sprachbefehl steuern kann – etwa das Öffnen des Stofffaltdachs. Dazu kommen je nach Ausstattung Smartphone-Integration, Assistenzsysteme, One-Pedal-Fahren und Wärmepumpe. Beim One-Pedal-Fahren verzögert das Auto stark, sobald man den Fuss vom Fahrpedal nimmt; im Alltag braucht man das Bremspedal dadurch deutlich seltener. Die Wärmepumpe wiederum hilft, den Innenraum effizient zu heizen und die Batterie zu schonen. Das wirkt modern, ohne den Wagen in ein rollendes Tablet zu verwandeln. Entscheidend ist ohnehin weniger die einzelne Funktion als das Gesamtbild: Dieser R4 will Elektromobilität nicht als Verzichtserklärung verkaufen, sondern als unkomplizierte Fortsetzung eines alten Renault-Versprechens. Einsteigen, losfahren, gebrauchen.
Für die Schweiz ist die offene Version klar positioniert. Der elektrische R4 ist bereits als geschlossenes Modell erhältlich, die Variante mit Stofffaltdach startet in der Ausstattung techno bei 36 300 Franken. Als iconic kostet sie 38 300 Franken. Damit ist das Dach kein billiges Accessoire, aber auch kein Luxus-Exzess. Es ist eine bewusste Entscheidung für Kunden, die ein kompaktes Elektroauto suchen, aber nicht einfach den nächsten stillen, grauen Crossover vor der Haustür stehen haben wollen.
Am Ende wirkt diese Freiluftversion deshalb weniger wie ein Gimmick und mehr wie eine ziemlich clevere Antwort auf eine einfache Frage: Wie bringt man einem vernünftigen Elektroauto ein wenig Leichtigkeit bei? Renault antwortet nicht mit mehr Leistung, nicht mit noch grösseren Bildschirmen und auch nicht mit der üblichen SUV-Theatralik. Die Franzosen öffnen einfach das Dach. Manchmal ist das die bessere Idee.
| Renault 4 E-Tech electric «plein sud» | |
| Preis ab | 36 300 Franken |
| Antrieb / E-Motor | Front, 150 PS / 245 Nm |
| Batteriekapazität | 52 kWh |
| 0 – 100 / Spitze | 8,5 Sek, 150 km/h |
| Verbrauch (WLTP) | 15,8 bis 16,7 kWh / 100 km |
| Reichweite (WLTP) | 392 km |
| Länge / Breite / Höhe | 4,14 / 1,81 / 1,55 m |
| Leergewicht | 1537 bis 1596 kg |
| Kofferraum | 420 bis 1405 Liter |