Von Dennis Schneider (Text & Fotos)
Man kann diesem Audi vieles vorwerfen. Schweigen gehört nicht dazu. Natürlich fährt er elektrisch, natürlich fehlt das mechanische Theater eines Verbrenners. Aber still? Nein. Der e-tron Sportsound inszeniert über die Lautsprecher genau jene künstliche Spannung, die man bei Elektroautos lange belächelt hat – bis man sie erlebt. Kein echtes Aufheulen, klar. Eher ein digitaler Kampfruf aus Ingolstadt. Ein bisschen Science-Fiction, ein bisschen Rennstrecke, ein bisschen Spielerei. Und ja: Es zaubert einem sofort ein Grinsen ins Gesicht.
Schon beim ersten kräftigen Tritt aufs rechte Pedal ist klar: Dieser schnelle Avant diskutiert nicht, er liefert. Der Klang baut sich auf, der Schub setzt brutal sauber ein, der quattro-Allrad zieht den schweren Stromer nach vorn, als hätte jemand die Landschaft an einem Gummiband befestigt. Kein Kolbenpathos, kein Benzinduft, keine Verbrennerromantik. Dafür elektrische Direktheit, begleitet von einem Sound, der genau das tut, was er soll: Er verkauft Tempo nicht als Zahlenwert, sondern als Erlebnis.
Der S6 ist kein Elektroauto, das seine Leistung wie eine Pointe serviert. Er legt sie hin wie eine Rechnung nach einem sehr teuren Abendessen: selbstbewusst, nüchtern, ohne Bitte um Zustimmung. 503 PS, Allrad, sofortige Reaktion – das genügt, um selbst auf der Landstrasse jene Souveränität zu erzeugen, die früher grossvolumigen Verbrennern vorbehalten war. Nur geht hier alles leiser, sauberer und beinahe beiläufiger. Man beschleunigt, schaut auf den Tacho und fragt sich kurz, ob das jetzt wirklich nötig war. War es natürlich nicht. Schön war es trotzdem.
Im Alltag wirkt der elektrische Audi weniger wie ein nervöser Sportler als wie ein sehr schneller Reisewagen. Genau das macht ihn stark. Die Kraft steht immer bereit, aber sie drängt sich nicht dauernd auf. Auf der Autobahn gleitet der Ingolstädter mit jener kontrollierten Ruhe dahin, die Audi seit Jahrzehnten als Markenkern verkauft – hier allerdings in elektrischer Reinform. Die Geräuschdämmung ist stark, das Fahrwerk angenehm, der Innenraum hochwertig. Dieser Avant kann Tempo, aber er kann auch Distanz. Und das ist bei einem elektrischen Reisewagen fast wichtiger als die nächste Stammtischzahl.
Die Reichweite überzeugt. Wer den Wagen nicht permanent wie ein Fluchtfahrzeug bewegt, kommt weit. Sehr weit sogar. Audi gibt für das getestete Modell bis zu 648 Kilometer an. In der Praxis entscheidet wie immer der rechte Fuss, die Temperatur, die Topografie und die Frage, ob man Effizienz als Tugend oder als Beleidigung empfindet. Auf längeren Strecken zeigt der Stromer aber genau jene Reife, die man in dieser Preisklasse erwarten darf: Er fährt entspannt, lädt schnell und nimmt dem elektrischen Reisen viel von jener Nervosität, die bei manchen Konkurrenten noch immer als Abenteuerromantik verkauft wird.
Auch im Innenraum herrscht diese typische Audi-Mischung aus Technik, Ordnung und kühler Präzision. Die Bedienung wirkt modern, ohne komplett ins Digitale zu kippen. Die Sitze sind bequem, das Raumgefühl passt, die Verarbeitung gibt sich teuer – und das ist sie auch. Der S6 Avant e-tron startet bei 105 050 Franken, der getestete Wagen kommt mit Sonderausstattung auf 123 508 Franken. Das ist kein demokratisches Mobilitätsangebot, sondern ein Premiumprodukt mit entsprechendem Preisschild. Wer hier einsteigt, sucht nicht den billigsten Weg von A nach B. Er sucht die elegante Abkürzung durch die Komfortzone.
Besonders gut passt zum S6 die Luftfederung. Sie nimmt dem schweren Auto viel von seiner Masse, zumindest solange man ihn so bewegt, wie es ein vernünftiger Mensch tun würde. Auf der Autobahn und über Land wirkt der Audi stabil, satt und souverän. Er federt sauber, liegt ruhig und vermittelt viel Vertrauen. Dieses Vertrauen ist wichtig, denn Leistung ist hier nie Mangelware. Im Gegenteil: Man muss sich eher daran erinnern, dass auch ein Elektro-Audi nicht ausserhalb der Physik fährt.
Und genau dort beginnt die ehrliche Seite dieses Fahrberichts. Der S6 ist schwer. Nicht ein bisschen schwer, nicht «spürbar solide», sondern zweieinhalb Tonnen schwer. Audi kaschiert das hervorragend. Bis zur nächsten Bergstrasse. Dort wird aus der Souveränität ein leiser Kampf gegen Masse, Tempo und Gummi. Der Allrad zieht das Auto sauber aus den Kurven, die Lenkung bleibt präzise, das Fahrwerk arbeitet wach. Aber wer zügig fährt, merkt: Hier werden nicht nur Höhenmeter gemacht, hier werden Pneus verhandelt.
Nach einer Woche mit flotten Passagen auf Bergstrassen sieht man den Reifen an, dass Leistung, Gewicht und Fahrfreude keine Gratisveranstaltung sind. Der schnelle Avant kann sportlich, ja. Er macht sogar richtig Spass. Aber er ist kein Leichtgewicht, das spielerisch von Kurve zu Kurve hüpft. Er ist ein elektrischer Hochleistungs-Kombi, der seine Masse sehr gut beherrscht – aber eben nicht verschwinden lässt. Das ist kein Drama. Es ist Physik. Und Physik hat selten Mitleid mit 21-Zoll-Rädern.
Der neue Dynamic-Plus-Modus passt gut zu diesem Charakter. Er schärft die Reaktionen, legt die Kraft heckbetonter an und lässt dem Auto mehr Beweglichkeit. Das macht den S6 lebendiger, direkter, emotionaler. Im Fahrerdisplay wird das Ganze mit Sportanzeigen und Schaltblitz zusätzlich inszeniert. Natürlich ist das bei einem Elektroauto ein Stück Theater. Aber gutes Theater darf sein, solange die Vorstellung stimmt. Und hier stimmt sie. Nur sollte man wissen: Wer auf der Passstrasse ständig den Heldenmodus sucht, bezahlt später nicht mit Pathos, sondern mit Profil.
Im Stadtverkehr zeigt der Audi eine andere Stärke. Die Rekuperation arbeitet fein, der Antritt lässt sich sauber dosieren, der Komfort bleibt hoch. Trotz Format und Gewicht wirkt der Avant nicht unhandlich. Assistenzsysteme, Kameras und Parkhilfen nehmen dem Alltag viel Stress. Das Auto gibt sich technisch auf der Höhe, ohne jede Fahrt in eine Bedienungsanleitung zu verwandeln. Genau so muss ein modernes Premium-Elektroauto funktionieren: präsent, aber nicht aufdringlich.
Die Modellpflege bringt dem S6 zudem einige Funktionen, die den Alltag angenehmer machen sollen. Audi hat die Rekuperation verbessert, die nun ohne Übergang zur klassischen Reibbremse bis zum Stillstand verzögern kann. Dazu kommen erweiterte Assistenzsysteme, eine überarbeitete Bedienoberfläche, mehr digitale Vernetzung und neue Erlebniswelten für Innenlicht, Sound, Massage und Klima. Man kann darüber lächeln. Oder man gibt zu, dass ein Auto in dieser Preisklasse längst nicht mehr nur fahren, sondern auch bespassen, beruhigen und beeindrucken soll. Willkommen in der Oberklasse, wo selbst die Pause an der Ladesäule kuratiert wird.
Am Ende bleibt damit weniger die Frage, ob dieser Audi teuer ist. Das ist er, und zwar ohne jeden Versuch, es zu verstecken. Interessanter ist, ob er für dieses Geld genug liefert. Die Antwort fällt erstaunlich klar aus: Ja, wenn man genau diese Mischung sucht. Einen elektrischen Reisewagen mit enormer Leistung, hoher Reichweite, starkem Komfort, schneller Ladetechnik und jener souveränen Reserviertheit, die Audi seit jeher besser beherrscht als grosse Gesten.
Der Audi S6 Avant e-tron ist deshalb kein günstiger Einstieg in die Elektromobilität. Er ist ein teures Versprechen, das erstaunlich viel einlöst. Er bietet Fahrspass ohne Benzin, Reichweite ohne Dauerangst und Komfort ohne Langeweile. Seine Schwäche ist nicht die Technik, sondern die Waage. Wer das akzeptiert, bekommt einen der überzeugendsten elektrischen Reisewagen seiner Klasse. Einen Avant mit Druck, Distanzqualität und Haltung. Schwer? Ja. Teuer? Sehr. Überzeugend? Und wie.
| Audi S6 Avant e-tron | |
| Preis ab | 105 050 Fr. / Testwagen 123 508 Fr. |
| Antrieb / E-Motor | quattro-Allrad, 503 PS / 855 Nm |
| Batteriekapazität | 94,9 kWh netto |
| 0 – 100 / Spitze | 3,9 Sek., 240 km/h |
| Verbrauch (WLTP) | 17,3 kWh / 100 km |
| Reichweite (WLTP) | 648 km |
| Länge / Breite / Höhe | 4,93 / 1,92 / 1,49–1,54 m |
| Leergewicht | 2502 kg |
| Kofferraum | 502 bis 1422 Liter, Frunk 27 Liter |