Von Dennis Schneider (Text)
Am Ferienort ändern sich die Regeln. Plötzlich zählen keine 265 PS mehr, kein Tempomat und keine lange Autobahnspur. Jetzt kommen enge Gassen, kleine Parkplätze, Einkäufe, Kurzstrecken und Temperaturen, bei denen selbst Asphalt über seine Berufswahl nachzudenken scheint.
Dabei half vor allem die gute Wendigkeit. Der Tiguan ist kein Kleinwagen, aber er fühlt sich in engen Strassen handlicher an, als es seine Präsenz vermuten lässt. Das war in kleinen Gassen und engen Parkbereichen deutlich spürbar.
Ein grosses Auto darf auf Reisen viel Platz bieten. Es sollte am Zielort aber nicht so wirken, als müsse man zuerst eine Hafengenehmigung einholen, bevor man es bewegt.
Kameras, Area View und der Parkassistent halfen zusätzlich, wenn rechts die Hauswand näher kam, links ein Auto parkierte und vorne plötzlich jemand beschlossen hatte, mitten in der Gasse stehenzubleiben. Da wird aus Assistenztechnik plötzlich echter Nutzwert.
Auch das Raumkonzept bestand die zweite Prüfung. Nach der grossen Anreise wurde der Kofferraum nicht mehr mit Feriengepäck gefüllt, sondern mit Einkäufen, Badetaschen und jenem Material, das sich während der Ferien auf rätselhafte Weise täglich vermehrt.
Die grossen Türablagen blieben praktisch, der Stauraum unter dem Kofferraumboden ebenfalls. Im Heck konnten wir zudem die Kühlbox über den Stromanschluss betreiben. Wieder so ein Detail, das beim zehnminütigen Probefahren kaum jemand erwähnt. Nach zwei Wochen möchte man es trotzdem haben.
Auch hinten funktionierte das Konzept weiterhin. Die Passagiere hatten genügend Platz, konnten ihre Geräte sauber verstauen und blieben mit dem Sitzkomfort zufrieden. Die verstellbaren Lehnen der Rückbank erwiesen sich als cleverer Kompromiss zwischen Gepäckraum und Bequemlichkeit.
Dann war da noch ein Ausstattungsdetail, das auf der langen Autobahnfahrt praktisch keine Rolle gespielt hatte: das grosse Panoramaschiebedach. Tagsüber blieb es bei der spanischen Hitze selbstverständlich geschlossen. Sitzlüftung und Klimaanlage waren sinnvoller als automobile Freiluftromantik.
Am Abend änderte sich das. Wenn die Sonne untergegangen war und noch diese angenehm warme mediterrane Luft über den Strassen lag, wurde das Dach geöffnet. Musik an, Dach zurück, warme Luft herein. Plötzlich bekam der Tiguan eine ganz andere Atmosphäre.
Natürlich braucht niemand ein Panoramaschiebedach, um nach Spanien zu fahren. Es spart keinen Treibstoff, verkürzt keine Strecke und macht den Kofferraum keinen Liter grösser. Aber Reisen bestehen eben nicht nur aus Notwendigkeiten.
Mit offenem Dach, Musik und warmer Abendluft wird aus einer kleinen Fahrt zum Essen oder zurück zur Unterkunft plötzlich jener Moment, den man später mit den Ferien verbindet. Auf dem Datenblatt ist das Panoramaschiebedach eine Ausstattungsposition. In Spanien wird daraus Atmosphäre.
Nach rund zwei Wochen begann die Rückreise. Wieder Autobahn, wieder Frankreich, wieder Stau, dieses Mal teilweise bei Nacht. Jetzt zeigte sich, welche Eigenschaften nach der anfänglichen Begeisterung tatsächlich geblieben waren.
Der Travel Assist gehörte klar dazu. Gerade nachts war die Kombination aus Spurführung und automatischer Distanzregelung eine grosse Unterstützung. Der Tiguan hielt ruhig seine Linie und nahm dem Fahrer einen Teil jener permanenten Kleinarbeit ab, die auf langen Autobahnetappen ermüdet.
Nach mehreren Tausend Kilometern war das Auto nicht mehr neu. Es war vertraut. Und genau dort beginnt das interessantere Fazit.
Der getestete Tiguan kostet 73 198 Franken. Die damalige Einstiegsversion startete bei 39 300 Franken. Der Testwagen war somit 33 898 Franken oder rund 86 Prozent teurer als das Basismodell. Wer bei Volkswagen automatisch an volkstümliche Preise denkt, wird beim Blick auf dieses Preisschild kurz wach.
Allerdings reden wir hier nicht über einen gewöhnlichen Tiguan. Bereits die Kombination aus R-Line, 265-PS-TSI, 4Motion und umfangreicher Serienausstattung kostet 64 200 Franken. Dazu kommen Metalliclackierung sowie verschiedene Pakete und Optionen.
Das Lederpaket «Varenna» mit den ergoActive-Plus-Sitzen kostet 2210 Franken. Nach dieser Reise lässt sich sein Nutzen kaum bestreiten. Massage und Sitzlüftung wurden tatsächlich verwendet. Auch das Technikpaket mit Head-up-Display, 15-Zoll-Bildschirm, HD-Matrixlicht und Park Assist Pro erwies sich nicht bloss als dekorative Prospektlyrik.
Beim Harman-Kardon-Soundsystem für 810 Franken liegt der Nutzen stärker im Ohr des Betrachters. Mit offenem Dach und Musik fand aber auch dieses Extra seinen Moment. Das Black-Style-Paket für 860 Franken blieb dagegen, was es ist: Optik. Spanien wäre vermutlich auch mit weniger schwarzen Zierleisten erreichbar gewesen.
Die Anhängerkupplung samt Trailer Assist kostete 1380 Franken und blieb auf dieser Reise arbeitslos. Gleiches gilt weitgehend für das Winterpaket «Premium» mit Standheizung, beheizbarer Frontscheibe und beheizbaren Rücksitzen. In der spanischen Sommerhitze wirkte es ungefähr so passend wie Skischuhe am Strand. Zurück in Graubünden sieht die Sache anders aus.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob man all diesen Kram braucht. Natürlich braucht man ihn nicht. Die Frage ist, ob man ihn nutzt. Nach dieser Reise lautet die Antwort erstaunlich oft: ja.
Nicht jedes Extra verdient seinen Preis. Aber die wesentlichen Komfort- und Assistenzsysteme leisteten genau dort ihren Beitrag, wo lange Fahrten anstrengend werden: im Rücken, bei Hitze, nachts, im dichten Verkehr und beim Rangieren in engen Gassen.
Auch der Verbrauch gehört differenziert betrachtet. 8,6 Liter pro 100 Kilometer sind angesichts von 265 PS, Allrad, vier Personen und vollem Gepäck respektabel. Absolut sparsam ist das trotzdem nicht. Allein für die mindestens 3360 Kilometer lange Hin- und Rückfahrt flossen rechnerisch rund 289 Liter Benzin durch den Motor.
Der Tiguan ist also kein Sparmobil und mit 73 198 Franken erst recht kein Volks-SUV zum Volkspreis. Sein Erfolg lässt sich trotzdem erklären. Er ist gross, ohne im Alltag lästig gross zu sein. Kraftvoll, ohne ständig Sportwagen spielen zu müssen. Komfortabel, ohne schwammig zu wirken. Modern, ohne seine Insassen permanent mit Technik zu belästigen.
Der Tiguan macht aus einer 1680-Kilometer-Etappe keine kurze Reise. Aber er nimmt ihr viel von dem, was lange Fahrten mühsam macht. Er erleichtert das Beladen, entspannt die Autobahn, kühlt bei spanischer Hitze, unterstützt in der Nacht und zwängt sich überraschend gelassen durch enge Gassen.
Und manchmal öffnet man am Abend einfach das Panoramaschiebedach, hört Musik und lässt die warme Luft herein. Dann ist das Auto für einen Moment kein Testwagen mehr.
Sondern einfach Teil der Reise.
| VW Tiguan R-Line 2.0 TSI 4MOTION | |
| Basispreis | 64 200 Fr. |
| Testwagenpreis | 73 198 Fr. |
| Motor | 2,0-Liter-TSI, 4 Zylinder |
| Leistung / Drehmoment | 265 PS (195 kW) / 400 Nm |
| Antrieb / Getriebe | Allrad, 7-Gang-DSG |
| 0–100 / Spitze | 5,9 Sek. / 242 km/h |
| Verbrauch (WLTP) | 8,7 l/100 km |
| Praxisverbrauch | 8,6 l/100 km |
| CO₂ / Energieklasse | 199 g/km / G |
| Länge / Breite / Höhe | 4,539 / 1,859 / 1,656 m |
| Leergewicht | ab 1772 kg |
| Kofferraum | 652 bis 1650 Liter |