Von Dennis Schneider (Text)
Viele Autos sind nach 100 Kilometern ausgezeichnet. Nach 1000 Kilometern wird die Auswahl kleiner. Die zweite Phase unserer Reise führte quer durch die Westschweiz und Frankreich Richtung Mittelmeer. Lyon, Montpellier, Ferienverkehr, Raststätten, mehrere Staus.
Unser erster grosser Zwischenstopp lag bei Perpignan, kurz vor der spanischen Grenze. Nach fast einem ganzen Tag unterwegs war damit jener Moment erreicht, an dem ein Auto seine anfängliche Höflichkeit langsam ablegt. Der Tiguan blieb erstaunlich manierlich.
Über weite Teile der Strecke fuhren wir mit einer individuell zusammengestellten Konfiguration: Motor im Eco-Modus, das adaptive Fahrwerk DCC Pro auf Komfort, die Lenkung sportlicher abgestimmt. Das klingt etwas nach automobilem Wunschkonzert, erwies sich aber als ausgesprochen angenehme Kombination.
Der Motor blieb entspannt, das Fahrwerk nahm den langen Autobahnetappen die Härte, während die straffere Lenkung für ein präzises Gefühl sorgte. Der Tiguan wirkte weder schwammig noch unnötig nervös.
Dabei steckt unter der Haube mehr Sportwagenverwandtschaft, als der Familieneinsatz vermuten lässt. Der 265 PS starke Zweiliter besitzt die gleiche Leistung wie der Motor des Golf GTI. Für den Einsatz im Tiguan wurde das Aggregat angepasst und liefert mit 400 Nm sogar mehr Drehmoment als der GTI. Von 0 auf 100 km/h beschleunigt der Allrad-SUV in 5,9 Sekunden, maximal sind 242 km/h möglich.
Solche Zahlen taugen hervorragend für Prospekte und Stammtische. Auf der Reise zeigte sich ihr praktischerer Wert. Beim Einfädeln, beim zügigen Überholen oder wenn man aus einer ungünstigen Verkehrssituation herausbeschleunigen muss, ist die Leistung sofort verfügbar. Das DSG reagiert schnell, der TSI schiebt kräftig an und 4Motion bringt die Kraft sauber auf die Strasse. Das Auto wirkt dadurch auch voll beladen nie angestrengt.
Noch wichtiger auf einer solchen Strecke waren allerdings die Assistenzsysteme. Der adaptive Tempomat regelte Geschwindigkeit und Abstand weitgehend zuverlässig. Anfangs fiel auf, dass das System bei relativ knapp eingestelltem Abstand teilweise etwas abrupt reagierte, wenn ein Fahrzeug voraus langsamer wurde oder in die Spur wechselte.
Wir vergrösserten den Abstand, danach wurde die Sache deutlich harmonischer. Eine kleine Erkenntnis mit grosser Wirkung: Auch ein gutes Assistenzsystem funktioniert besser, wenn der Fahrer es vernünftig einstellt.
Besonders wertvoll wurde später der Travel Assist. Er hielt den Wagen sauber in der Spur und regelte gleichzeitig den Abstand zum vorausfahrenden Verkehr. Auf der Hinfahrt angenehm, auf der Rückreise, als ein Teil der Strecke nachts absolviert wurde, eine echte Unterstützung.
Natürlich ersetzt das keine Aufmerksamkeit. Aber über viele Stunden nimmt ein sauber arbeitendes System jene permanenten kleinen Lenkkorrekturen und Abstandsänderungen ab, die auf langen Nachtfahrten ermüden. Der Travel Assist drängte sich dabei nicht auf. Er half einfach. Genau so sollte Assistenztechnik funktionieren.
Über die gesamte Reise spielte sich der Verbrauch bei 8,6 Litern pro 100 Kilometer ein. Darin enthalten waren vier Personen, volles Feriengepäck, Bündner Bergstrecken, lange Autobahnpassagen, Klimatisierung, Staus und teilweise zügiges Mitschwimmen im französischen und spanischen Verkehr.
Ein Verbrauchswunder ist das nicht. Volkswagen nennt für diese Version offiziell ungefähr 8,5 bis 8,7 Liter. Der Praxiswert lag damit ziemlich genau auf WLTP-Niveau. Bemerkenswert ist weniger die nackte Zahl als die Tatsache, dass der Tiguan sie trotz voller Beladung, Hitze, Klimaanlage und anspruchsvollem Streckenprofil einhielt.
Das macht den TSI nicht zum Ökoauto. Die 265-PS-Version fährt in der Energieklasse G. Der Test zeigt aber, dass ein moderner, kräftiger Benziner auf der Langstrecke effizienter arbeiten kann, als Leistung und Allrad zunächst vermuten lassen.
Gerade auf einer Strecke von rund 1680 Kilometern pro Richtung versteht man weiterhin gut, weshalb diese Antriebsform für Langstreckenfahrer attraktiv bleibt. Fahren, tanken, einige Minuten später weiter. Ein dichtes Tankstellennetz, grosse Reichweite und jederzeit verfügbare Leistung sind auf solchen Reisen schlicht praktisch.
Daraus muss man keinen Glaubenskrieg zwischen Verbrenner und Elektroauto machen. Dieser Test beweist nicht, dass der Benziner grundsätzlich besser ist. Er zeigt lediglich, dass er diese konkrete Aufgabe ziemlich überzeugend löst.
Fast noch wichtiger wurde mit zunehmender Reisedauer etwas anderes: der Sitz. Unser Tiguan war mit ergoActive-Plus-Vordersitzen in Varenna-Leder ausgestattet. Dazu gehören verschiedene Massageprogramme und eine aktive Sitzklimatisierung.
Beim Lesen der Ausstattungsliste klingt eine Massagefunktion zunächst nach jener Art von Luxus, über die man sich wunderbar lustig machen kann. Nach 800 Kilometern macht man sie einfach an.
Die Massagefunktion entwickelte sich beinahe zum Running Gag der Reise. Ein Knopfdruck, und während draussen Frankreich vorbeizieht, beginnt der Sitz mit der Rückenpflege. Dekadent? Vielleicht. Angenehm? Definitiv.
Noch wertvoller bei den hohen Temperaturen war die Sitzlüftung. In Spanien wird aktive Kühlung in einem Ledersitz ziemlich schnell vom Luxus zum willkommenen Alltagshelfer. Im Fond wäre sogar Sitzheizung vorhanden gewesen. Bei Temperaturen von deutlich über 30 Grad blieb dieser Knopf aus nachvollziehbaren Gründen unangetastet. Graubünden wird ihm im Winter wieder einen Sinn geben.
Perpignan wurde schliesslich zum Ende der ersten grossen Etappe. Auto abstellen, aussteigen, etwas essen, schlafen. Am nächsten Tag ging es weiter über Girona und Barcelona Richtung Costa Blanca.
Bemerkenswert war dabei weniger, wie schnell wir angekommen waren. Bemerkenswert war, wie entspannt wir ausstiegen. Das ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft eines guten Langstreckenautos: Es macht 1000 Kilometer nicht kürzer. Aber es lässt sie weniger lang wirken.
| VW Tiguan R-Line 2.0 TSI 4MOTION | |
| Basispreis | 64 200 Fr. |
| Testwagenpreis | 73 198 Fr. |
| Motor | 2,0-Liter-TSI, 4 Zylinder |
| Leistung / Drehmoment | 265 PS (195 kW) / 400 Nm |
| Antrieb / Getriebe | Allrad, 7-Gang-DSG |
| 0–100 / Spitze | 5,9 Sek. / 242 km/h |
| Verbrauch (WLTP) | 8,7 l/100 km |
| Praxisverbrauch | 8,6 l/100 km |
| CO₂ / Energieklasse | 199 g/km / G |
| Länge / Breite / Höhe | 4,539 / 1,859 / 1,656 m |
| Leergewicht | ab 1772 kg |
| Kofferraum | 652 bis 1650 Liter |