Heinz Schneider (Text)
Die künstliche Intelligenz hatte den Nachmittag in rund 90 Sekunden abgehandelt. Referate, Umfrage, alles drin. Fast alles. Die Stimmung im Saal, die Pausengespräche und die Zwischentöne musste Christoph Kronig nachliefern. Eine hübsche Pointe beim jährlichen Mitgliedertreffen von «Certified First Switzerland» (CFS): Ausgerechnet die Technik führte vor, weshalb Menschen zusammenkommen.
Ein toller Anspruch, schliesslich bleibt das Zusammenkommen die charmante Priorität schlechthin beim CFS-Event, der längst ein fester Termin im Branchenkalender geworden ist. Betriebsinhaber treffen Kollegen, Geschäftspartner und Bekannte, zwischen zwei Referaten werden Gespräche möglich, die im Werkstattalltag gern zwischen Telefon und Teilelieferung versanden. Davon lebt das Netzwerk, das PPG Switzerland GmbH und Belfa AG mit Engagement, Fachwissen und bemerkenswerter Ausdauer aufbauen.
Diesmal traf man sich in der «Auto Welt von Rotz» in Bronschhofen (SG), selber CFS-Mitglied. Nach der Begrüssung durch CFS-Manager Christoph Kronig stellten Karin von Rotz und ihr Vater Hanspeter ihr Unternehmen vor. Was Hanspeter 1978 als Einmannbetrieb gründete, umfasst heute verschiedene Markenvertretungen, eine Carrosserie- und Lackierabteilung, ein Restaurant und ein angeschlossenes Hotel mit 96 Zimmern. Aus dem Einmannbetrieb ist, gewissermassen, eine Welt mit Übernachtungsmöglichkeit geworden.
Auch CFS wächst: In fünf Jahren hat sich das Netzwerk mehr als verdreifacht. 2027 sollen vor allem im Tessin, in Graubünden, Genf und im Wallis Lücken geschlossen werden. Mehrere Flotten- und Leasinggesellschaften arbeiten bereits mit CFS zusammen. Weitere Gespräche laufen. Partnerlösungen für Felgenreparaturen sowie Hagel- und Dellenreparaturen ergänzen das Angebot.
Wachstum verlangt auch Substanz. Jedes Mitglied wird jährlich vor Ort von einem externen Auditor geprüft. Seit diesem Jahr gehört die Cyber-Sicherheit dazu: Passwörter, Datensicherung und Schutz vor Phishing. Schliesslich lässt sich eine digitale Hintertür mit keinem noch so sorgfältigen Lackaufbau versiegeln.
Gut unterwegs ist das Kurswesen. Seit 2022 zählte CFS 235 Kursteilnahmen, im vergangenen Jahr fast doppelt so viele wie 2024. Genau 72 Prozent der «Schüler» bewerten die Kurse 2026 mit «sehr gut», alle übrigen mit «gut». Applaus gab es für den kürzlich durchgeführten Hochvolt-Kurs, über den «carwing» bereits berichtete: Er endete mit einer Prüfung beim AGVS und einem Zertifikat. Ab 2027 öffnet CFS seine Kurse für sämtliche Betriebe der Branche – für Kunden von Belfa und PPG ebenso wie für alle anderen.
Den Blick über den Werkstatthorizont übernahm unter anderem Zukunftsforscher Joël Luc Cachelin. Er sprach über Klimawandel, Erderwärmung und Hitze, die Menschen unter Stress setzt. Seine Leidenschaft gilt den langfristigen Veränderungswellen in digitalen Technologien, Wirtschaft, Gesellschaft und Städtebau. Philipp Zimmermann von «auto-i-dat» untersuchte, wie Digitalisierung, KI, Fahrzeugdaten, Vernetzung und Nachhaltigkeit die Schadenwelt verändern.
PPG und CFS liessen die Zukunft gleich selber auftreten. «Die Lackiererei der Zukunft» kam als Video mit KI-Stimme auf die Leinwand. Zuvor hatte das CFS-Team die PPG-Inhalte mit KI-Werkzeugen aufbereitet, Folien gekürzt und ins Französische übertragen, einen Sprechtext verfasst und eine deutsche Tonspur mit künstlicher Stimme erzeugt. Inhaltlich reichte der Bogen vom virtuellen Lackiertraining über KI im Büro und in der Robotersteuerung bis zu Montagehilfen, Exoskeletten und Lackierrobotern. Für die Fragen aus dem Saal war anschliessend Daniel Zollinger von PPG Switzerland zuständig. Die Zukunft durfte also reden – die Auskunft gab ein Mensch.
Zum Abschluss des Nachmittags fütterte Christoph Kronig einen KI-Agenten mit sämtlichen Referatsinhalten und den Antworten einer Live-Umfrage. Eine knappe halbe Stunde später folgte jene rund 90 Sekunden kurze Zusammenfassung auf der Bühne: künstlich vorgelesen, auf der Leinwand zweisprachig eingeblendet. Auswerten, übersetzen, zusammenfassen – in Minuten statt Tagen. Für ein Netzwerk von KMU sind das handfeste Möglichkeiten. Kronigs Ergänzungen zur Stimmung, zu den Gesprächen und zum zwischen den Zeilen Gesagten lieferten dazu die menschliche Tonspur.
Nach Gruppenfoto und hervorragendem Nachtessen wechselte gegen 20 Uhr die Disziplin. Bei der «CFS Challenge» jagten die Gäste an drei Rennsimulatoren nach Sekunden. Im quizartigen Wissens- und Geschicklichkeitswettbewerb mussten Schnelldenker und Schnellrater zeigen, was vom Nachmittag hängen geblieben ist. Gefragt wurde etwa: «Wer hat pro Million Einwohner die meisten CFS-Betriebe?», «Was bedeutet die Regel Human Sandwich für die Arbeit mit KI?» oder «Welches Hilfsmittel entlastet Schultern und Rücken bei Arbeiten über Kopf?». Da nützte die schönste Ideallinie wenig, wenn das Wissen vorher ins Kiesbett gerutscht war.
Wer die Simulatoren-Wertung gewonnen, die meisten Punkte aus Rennsimulator und Quiz mitgenommen hat und damit «CFS-Champion 2026» wurde, verraten wir in unserer Fotogalerie. So viel Spannung muss bleiben – auch nach einem Nachmittag, den eine KI in 90 Sekunden zusammenfassen kann.