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    Forum Carrosserie (Teil 1): Wie viel Nachweis braucht eine gute Reparatur?

Dennis Schneider (Text & Fotos)

Am ersten Forum Carrosserie durfte die Branche durchatmen. Ökonom Mathias Binswanger nahm den wachsenden Aufwand für Nachhaltigkeitsnachweise und Zertifizierungen auseinander. Unternehmer und Versicherer lieferten die Beispiele dazu. Ein Vormittag über Papierberge, Berufsstolz und die Frage, wie viel Zeit noch fürs Reparieren bleibt.

Die Delle ist weg. Der Papierberg bleibt. Zwischen Schadenfotos, Kalkulationen, Freigaben und dem nächsten Audit kann eine einfache Frage untergehen: Was davon macht die Reparatur eigentlich besser? Am ersten Forum Carrosserie vom 4. November in der Giesserei Oerlikon in Zürich wurde sie ausgesprochen. Für die Branche war das ein Moment zum Durchatmen. Endlich wurde auch einmal der Aufwand hinterfragt, der das gute Handwerk Tag für Tag begleitet.

Den Anstoss gab Professor Dr. Mathias Binswanger. Der Volkswirtschaftler lehrt an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten, ist Privatdozent an der Universität St. Gallen und durch Bücher wie «Die Tretmühlen des Glücks» und «Der Wachstumszwang» einem breiten Publikum bekannt. Sein Referat hiess «Bringt mehr Nachhaltigkeit auch mehr Bürokratie?». Die Kurzantwort lieferte er gleich mit: ja.

Binswanger legte den Finger auf einen wunden Punkt. Nachhaltiges Handeln und der Apparat, der es messen, kontrollieren und bescheinigen soll, wachsen keineswegs im gleichen Takt. Unternehmen erfassen Daten, erstellen Berichte, befragen Lieferanten und dokumentieren Kontrollen. Nach der Zertifizierung folgt die nächste Überprüfung. Der Nachweis bekommt gewissermassen ein Abonnement.

Rundherum ist nach seiner Darstellung eine eigene Wirtschaft entstanden: Berater, Auditoren und Zertifizierungsstellen leben davon, Anforderungen zu erklären und ihre Erfüllung zu prüfen. Wer mit Komplexität sein Geld verdient, hat wenig Anlass, sie abzuschaffen. Binswangers Vergleich mit Steuerberatern und einem komplizierten Steuersystem war so einfach wie unbequem.

Die Grössenordnung illustrierte er mit einem Zahlenpaar: Anfang der 1980er-Jahre habe das Bundesrecht rund 18 000 Seiten umfasst, inzwischen seien es rund 76 000. Kantonale und kommunale Vorschriften kämen hinzu. In der Werkstatt wird daraus kein schön geordneter Stapel. Es werden Stunden daraus, die jemand leisten und bezahlen muss.

Auch die Digitalisierung kommt in dieser Betrachtung nicht automatisch als Retterin daher. Wenn sich Daten leichter erfassen lassen, wird oft mehr erfasst. Werden Kontrollen günstiger, wird intensiver kontrolliert. Künstliche Intelligenz könne diese Entwicklung weiter beschleunigen, warnte Binswanger. Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob tatsächlich Arbeit wegfällt – oder einfach noch mehr Nachweise möglich werden.

Besonders deutlich wurde der Professor bei der Berufsbildung. Die Schweiz lasse ihr duales System von ausländischen Delegationen bewundern und werte die Berufslehre gleichzeitig im eigenen Land ab. Die Vorstellung, möglichst viele junge Menschen müssten studieren, hielt er für einen Irrweg. Seine zugespitzte Diagnose: Aus potenziell guten Praktikern würden mittelmässige Akademiker.

Das war auch ein Plädoyer für den Berufsstolz. Lernende auszubilden ist ein handfester Beitrag zur Zukunftsfähigkeit. Und der Weg von der Lehre zum eigenen Unternehmen verdient nach Binswangers Auffassung wieder mehr Aufmerksamkeit. Eine Branche, die aus beschädigten Teilen etwas Brauchbares macht und ihren Nachwuchs ausbildet, hat einiges vorzuweisen. Auch bevor der nächste Fragebogen eintrifft.

Wie dringend die Betriebe ihre Zeit brauchen, hatte Zentralpräsident Felix Wyss bereits zur Eröffnung erklärt. Material, Energie, Löhne und Sozialkosten steigen, die Fahrzeuge werden komplexer, die Erträge stehen unter Druck. Wyss nahm dabei auch die Unternehmer in die Pflicht: Wer seine Kosten kennt, Abläufe beherrscht und Leistungen messen kann, verhandelt auf einer besseren Grundlage. Dass das von carrosserie suisse lancierte Forum ausgebucht war und eine Warteliste hatte, zeigte den Bedarf an Austausch.

Nationalrat und Carrossier Heinz Theiler lieferte dazu ein Beispiel aus dem Betrieb. Sein Referat wurde wegen seiner krankheitsbedingten Absenz von Verbandsdirektor Daniel Röschli vorgelesen. Für einen Schaden mit rund vier Stunden Reparaturzeit habe die Administration am Ende länger gedauert als die Arbeit am Fahrzeug. Theilers Forderung: Zusätzliche Dokumentationsleistungen müssen vergütet oder die Prozesse vereinfacht werden. Gebündelte, gegenseitig anerkannte Branchenzertifizierungen könnten weitere Doppelarbeit vermeiden.

Wie viel davon im Alltag hängen bleibt, zeigte das von Beat Jenny moderierte Podium. Es diskutierten Fabian Eugster vom Eugster Carcenter in Thal, Roger Gehrig von der Gehrig Carrosserie AG und der Tartaruga AG sowie Daniel Junker von Helvetia Baloise und Marcel Stettler von AXA.

Eugster erzählte von ausgefüllten Umweltfragebogen, auf die über Jahre keine Rückmeldung erfolgt sei. Manche Erhebungen seien inzwischen schon wieder ersetzt worden. Viel Fleiss, wenig Erkenntnis. Beim Wildwuchs an Labels und Zertifikaten wünschte er sich Zurückhaltung und einen gemeinsamen Standard. Auch die Detailkontrolle von Kalkulationen stellte er infrage: Wenn wegen zwanzig Franken erneut Unterlagen bearbeitet werden müssen, wird die Kontrolle schnell selbst zum Kostenfaktor.

Gehrig beschrieb das Dilemma des Unternehmers: Er sollte seine Mitarbeiter entwickeln, sein Wissen weitergeben und im Betrieb präsent sein. Die Administration hält ihn derweil am Bürostuhl fest. Dabei verlangen neue Reparaturmethoden laufend Ausbildung und Übung. Dass beim Ausprobieren etwas misslingt, muss der Betrieb oft selbst finanzieren.

Zur guten Reparatur gehört zudem ein Kunde, der sie akzeptiert. Ein instand gesetzter Stossfänger muss auch demjenigen erklärt werden, der lieber ein neues Teil hätte. Dafür braucht es überzeugende Kundendienstmitarbeiter – und Versicherer, die den fachlich begründeten Entscheid des Betriebs mittragen. Das Vertrauen darf nicht dort enden, wo das Kundengespräch beginnt.

Die Versicherungsvertreter räumten Verbesserungspotenzial ein. Stettler erklärte zugleich, wie einzelne unberechtigt verrechnete Leistungen zusätzliche Kontrollen auslösen, deren Folgen dann auch die korrekt arbeitenden Betriebe tragen. Junker benannte das gemeinsame wirtschaftliche Interesse: Reparieren statt Ersetzen kann den Schadenaufwand senken. Nachhaltigkeit und Kostenersparnis passen hier durchaus zusammen.

Binswanger verwarf denn auch nicht jede Zertifizierung. Das Label green car repair nannte er als positives Beispiel einer Branchenlösung. Entscheidend seien die Reparaturpraxis und ein überschaubarer administrativer Aufwand. Gerade diese Unterscheidung gab dem Vormittag Substanz: Ressourcen schonen, Nachwuchs ausbilden und Qualität liefern fanden breite Unterstützung. Hinterfragt wurde der Aufwand, mit dem all das immer wieder bescheinigt werden soll. Die nächste Kennzahl dürfte deshalb ruhig einmal messen, wie viel Zeit fürs Handwerk zurückgewonnen wird.

Damit endet Teil 1 unseres Rückblicks auf das Forum Carrosserie. Im zweiten Teil widmen wir uns dem Nachmittag: Führung und Vertrauen, Effizienz im Betrieb, digitale Werkzeuge und Lackierrobotik sowie der Vorbereitung auf Hagelereignisse. Der Beitrag folgt in Kürze.

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