Dennis Schneider (Text & Bild)
Kampfjets, Helikopter und historische Flugzeuge bildeten die Kulisse für die Delegiertenversammlung 2026 von carrosserie suisse im Air Force Center Dübendorf. 64 Delegierte und zusätzlich 89 Gäste fanden sich an einem Ort ein, an dem für einmal nicht automobile Carrosserien im Mittelpunkt standen. Die Umgebung passte dennoch gut zu einer Branche, die sich täglich mit Technik, Mobilität und Sicherheit beschäftigt – und an diesem Vormittag weit über die üblichen Verbandsgeschäfte hinausblickte.
Zentralpräsident Felix Wyss eröffnete die Versammlung und sprach zwei Themen an, die ihm besonders wichtig sind. Das erste betrifft die Altersvorsorge. Die Entwicklung der Pensionskassenrenten müsse ernst genommen werden. Für viele Mitarbeiter werde es zunehmend schwieriger, im Alter finanziell ausreichend abgesichert zu sein. Wyss rief die Unternehmer deshalb dazu auf, die Vorsorgesituation ihrer Mitarbeiter nicht einfach der Zeit zu überlassen, sondern gemeinsam mit den Pensionskassen nach Verbesserungen zu suchen.
Sein zweites Anliegen galt den Reparaturkosten. In der öffentlichen Diskussion würden häufig die Stundenansätze der Betriebe als Hauptursache für steigende Rechnungen dargestellt. Das greife zu kurz. In den vergangenen sechs Jahren seien die Stundenlöhne durchschnittlich um rund 17 Prozent gestiegen. Lackmaterial habe sich im selben Zeitraum jedoch um rund 55 Prozent verteuert, Ersatzteile teilweise um bis zu 100 Prozent. Die Betriebe seien nicht die Treiber der Kostenentwicklung, sondern selbst unter Druck. Gleichzeitig verlangte Wyss bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, weniger Regulierung und mehr unternehmerischen Freiraum.
Als Präsident der gastgebenden Sektion Zürich hiess anschliessend Michael Oesch die Versammlung willkommen. Zürich ist die grösste Sektion innerhalb von carrosserie suisse. Für Oesch zeigt dies, wie wichtig die regionale Verankerung des Verbands ist. Die Stärke der Branche beruhe auf engagierten Betrieben, gut ausgebildeten Fachkräften und leistungsfähigen Sektionen. Gerade die Berufsbildung bleibe eine gemeinsame Verantwortung.
Danach meldete sich Nationalrat Heinz Theiler per Videobotschaft aus Bern. Politische Entscheidungen zur Verkehrsfinanzierung, zur Energie- und Klimapolitik oder zur künftigen Gestaltung der Mobilität hätten direkte Auswirkungen auf die Branche. Umso wichtiger sei es, dass die Anliegen aus den Betrieben ihren Weg nach Bundesbern fänden.
Theiler verwies zudem auf die verschärfte geopolitische Lage. Versorgungssicherheit, robuste Lieferketten und der Schutz kritischer Infrastrukturen hätten an Bedeutung gewonnen. Besonders hob er das duale Bildungssystem hervor. Betriebe, die junge Menschen ausbilden, stärkten nicht nur ihre eigene Branche, sondern die gesamte Volkswirtschaft. Der direkte Austausch mit den Praktikern sei entscheidend, damit politische Lösungen nicht am Alltag der Unternehmen vorbeigingen.
André Ingold, Stadtpräsident von Dübendorf, richtete den Blick anschliessend auf den Veranstaltungsort. Dübendorf zählt heute rund 33 000 Einwohner und ist in den vergangenen zehn Jahren um etwa 10 000 Personen gewachsen. Die Lage zwischen Zürich und dem Flughafen, die gute Verkehrsanbindung und die wirtschaftliche Dynamik hätten die Stadt grundlegend verändert.
Besondere Bedeutung misst Ingold dem Innovationspark Zürich auf dem ehemaligen Flugplatzareal bei. Dort soll ein Standort für Forschung, Entwicklung und internationale Kooperation entstehen. Wenn das Zielbild bis 2050 wie geplant umgesetzt werde, könnten allein auf dem Gelände in Dübendorf rund 12 000 bis 15 000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Davon würden nicht nur grosse Technologieunternehmen profitieren, sondern auch Gewerbebetriebe, Zulieferer und Dienstleister aus der Region.
Das Wachstum bringt allerdings auch Herausforderungen mit sich. Mobilität, Infrastruktur und Schulen müssen Schritt halten. Gleichzeitig warnte Ingold vor überlangen Bewilligungsverfahren. Wer Entwicklung wolle, müsse sie auch ermöglichen.
Den inhaltlichen Schwerpunkt des Vormittags setzte Ueli Maurer. Der frühere Bundesrat begann mit einem Blick auf den Kanton Zürich, der nicht nur Finanzplatz und Innovationsstandort sei, sondern auch der viertgrösste Landwirtschaftskanton der Schweiz und der grösste Weinkanton der Deutschschweiz. Seine eigentliche Botschaft reichte jedoch deutlich weiter.
Maurer zeichnete das Bild einer Welt, die nicht plötzlich aus den Fugen geraten sei, sondern in bekannte Muster zurückfalle. Europa sei während des vergangenen Jahrhunderts immer wieder von Konflikten geprägt gewesen. Nach zwei Weltkriegen habe der Kalte Krieg das Verhältnis zwischen Ost und West bestimmt. Der Krieg in der Ukraine sei deshalb nicht isoliert zu betrachten, sondern Teil eines erneuten Ringens zwischen Machtblöcken, das Europa noch viele Jahre beschäftigen dürfte.
Ähnliches gelte für den Nahen Osten. Dort werde seit Jahrhunderten um Einfluss, Territorium und Religion gestritten. Gefährlich werde ein regionaler Konflikt dann, wenn Grossmächte stärker eingriffen und daraus Folgen für die Weltwirtschaft entstünden. Energieversorgung, Handelswege und Versorgungssicherheit seien längst Teil dieser Auseinandersetzungen.
Maurer sah darin eine grundsätzliche Veränderung der wirtschaftlichen Lage. Es gehe nicht mehr nur um politische Macht, sondern zunehmend um Rohstoffe, seltene Erden, Technologie und Energie. Hinzu komme die hohe Verschuldung vieler Staaten. Frankreich und Italien kämpften mit erheblichen finanziellen Problemen, selbst Deutschland habe deutlich an Kraft verloren.
Besonders kritisch fiel Maurers Blick auf Europa aus. Deutschland sei über Jahrzehnte der wirtschaftliche Motor des Kontinents gewesen. Heute leide die Industrie unter den Folgen einer verfehlten Energiepolitik, die Automobilbranche stehe unter Druck, politische Blockaden erschwerten Reformen. Europa verliere gegenüber Asien und den USA an Dynamik und damit auch an Gewicht.
Für die Schweiz sei diese Entwicklung heikel, weil sie wirtschaftlich eng mit Europa verbunden sei. Gleichzeitig verfüge das Land weiterhin über grosse Vorteile: politische Stabilität, eine starke Währung, vergleichsweise geringe Schulden und hohe Innovationskraft. Auch die Neutralität bleibe ein wichtiger Standortfaktor. Ein kleines Land wie die Schweiz müsse sich zwischen den Machtblöcken bewegen können und mit möglichst vielen Seiten im Gespräch bleiben.
Besonders eindrücklich schilderte Maurer seine Beobachtungen aus China. Das Land entwickle sich mit einer Geschwindigkeit, die in Europa häufig unterschätzt werde. Neue Automarken und Produktionsstätten entstünden in kurzer Zeit, Fertigungsanlagen seien hochautomatisiert, die Fortschritte bei Elektrofahrzeugen enorm. Viele chinesische Modelle könnten mit europäischen Produkten längst mithalten, teilweise zu deutlich tieferen Preisen.
Für die Carrosserie- und Fahrzeugbaubranche leitete Maurer daraus eine klare Folgerung ab. Fahrzeuge aus Asien, insbesondere aus China, würden in Europa eine immer grössere Rolle spielen. Die Betriebe müssten sich frühzeitig mit neuen Konstruktionen, Materialien, elektronischen Systemen und Reparaturmethoden auseinandersetzen. Weiterbildung werde damit zu einem entscheidenden Faktor.
Gleichzeitig zeigte sich Maurer überzeugt, dass der Individualverkehr seine Bedeutung behalten werde. Er stehe für Freiheit und Flexibilität. Selbstfahrende Fahrzeuge würden zwar kommen, vermutlich aber langsamer als häufig angenommen. Beim Antrieb werde die Elektromobilität weiter an Gewicht gewinnen, ohne dass der Verbrennungsmotor von heute auf morgen verschwinde.
Maurer hob zudem die Rolle der KMU hervor. Familienbetriebe kennen ihre Mitarbeiter, bilden Lernende aus und schaffen ein Umfeld, in dem junge Menschen nicht nur Fachwissen erwerben, sondern auch Verantwortung übernehmen. In einer zunehmend unsicheren Welt werde dieses Gefühl der Zugehörigkeit wichtiger. Die KMU seien deshalb nicht bloss ein Teil der Wirtschaft, sondern ihr Rückgrat.
Nach Maurers Referat gedachte die Versammlung mit einer Schweigeminute vier verstorbenen Branchenvertretern: Carlo Steger aus dem Tessin, Martin Tischhauser aus Graubünden, Walter Koch aus der Ostschweiz und Markus Angliker aus Zürich.
Danach folgten die statutarischen Geschäfte. Die Stimmenzähler wurden gewählt und das Protokoll der ausserordentlichen Delegiertenversammlung vom 20. November 2025 in Zofingen einstimmig genehmigt.
Im Jahresbericht gab Frédéric Henguely einen Überblick über den Bereich Markt und Technik. Ein Schwerpunkt liegt auf den Folgen des Klima- und Innovationsgesetzes. Seit Januar werden zwölf Mitgliedsbetriebe bilanziert, um einen repräsentativen Überblick über den CO₂-Ausstoss der Branche zu erhalten. Statt eines starren Branchenfahrplans will carrosserie suisse einen praxisnahen Massnahmenkatalog erarbeiten.
Isabel Suter berichtete anschliessend über die Marketingaktivitäten. Nachwuchsgewinnung bleibt eine der grossen Aufgaben. Der Verband setzt dabei unter anderem auf TikTok, Snapchat, Instagram, Streaming-Werbung, Kinospots und Lehrberufe Live. Im Zentrum stehen authentische Einblicke in den Berufsalltag. Zusätzliche Instrumente sind ein neuer Ausstellungsanhänger, ein modernisiertes Kinderbuch und ein Webshop für Kommunikationsmaterial.
Peter Elsasser stellte die Arbeiten im Bereich Bildung vor. SwissSkills und Berufsmeisterschaften bleiben wichtige Schaufenster für die Branche. Gleichzeitig arbeitet carrosserie suisse an einer Bildungsplattform, die Grundbildung, höhere Berufsbildung und lebenslanges Lernen stärker miteinander verknüpfen soll. Expertenschulungen und QV-Unterlagen für alle fünf Berufe in drei Landessprachen sollen die Ausbildungsqualität weiter erhöhen.
Tom Oswald präsentierte die Jahresrechnung 2025. Trotz hoher Aufwände für Meisterschaften, SwissSkills und weitere Projekte schloss carrosserie suisse das Geschäftsjahr positiv ab. Auch das Budget 2026 wurde solide geplant. Die Delegierten genehmigten Jahresrechnung, Décharge und Budget einstimmig.
Ein zentrales Traktandum war die Weiterentwicklung der Verbandsstrategie. Direktor Daniel Röschli erläuterte, dass carrosserie suisse seine Strukturen vereinfachen und klarer zwischen strategischer Führung und operativem Geschäft unterscheiden will. Vorgesehen ist ein deutlich kleinerer Zentralvorstand mit maximal neun Mitgliedern. Die Geschäftsleitung soll als operatives Organ gestärkt werden, damit Themen nicht mehrfach durch verschiedene Gremien geschoben werden.
Gleichzeitig soll eine neue Sektionskonferenz sicherstellen, dass die Regionen weiterhin eine starke Stimme behalten. Röschli machte klar, dass es nicht um eine Schwächung der regionalen Verankerung geht, sondern um klarere Zuständigkeiten und schnellere Entscheidungen. Über den konkreten Vorschlag sollen die Delegierten 2027 abstimmen.
Unter dem Traktandum Wahlen wurde Urs Gschwend ohne Gegenstimme als neues Mitglied des Schiedsgerichts gewählt.
Bruno W. Claus informierte danach über die Weiterentwicklung von EUROGARANT. Das Label soll vereinfacht und zeitgemässer gestaltet werden. Künftig sollen Betriebe nicht mehr mehrere unterschiedliche Zertifizierungen durchlaufen müssen. Eine gebündelte Zertifizierung soll für drei Jahre gelten und den administrativen Aufwand reduzieren, ohne die Qualitätsstandards zu senken.
Mathias Dufaux stellte anschliessend die Neuerungen beim Verein zur Förderung der Carrosserieberufe VFCB vor. Der Verein modernisiert seinen Auftritt, entwickelt neue Kommunikationsmittel und überarbeitet seine Website. Ziel ist es, zusätzliche Mitglieder und Partner zu gewinnen und damit die Nachwuchsförderung weiter zu stärken.
Zum Abschluss richtete sich der Blick nach Shanghai. Dort finden im September die WorldSkills 2026 statt. Benjamin Mazenauer, Präsident der Arbeitsgruppe Berufsmeisterschaften, stellte die «Mission Shanghai» vor. Carrosseriespengler Gilles Glauser und Carrosserielackierer Davide Manieri werden die Schweiz vertreten. Unterstützt werden sie von Diana Schlup und Pascal Lehmann.
Lehmann hob hervor, dass Schweizer Kandidaten nicht erst wenige Monate vor einem internationalen Wettbewerb mit der Vorbereitung beginnen. Ihre eigentliche Ausbildung finde während der gesamten Lehrzeit in den Betrieben statt. Dort arbeiten sie täglich an realen Fahrzeugen, lösen unerwartete Probleme und lernen, unter Zeitdruck präzise zu bleiben. Gerade diese Verbindung von Theorie und Praxis sei eine der grossen Stärken des dualen Bildungssystems.
In den letzten Monaten vor Shanghai gehe es vor allem darum, Abläufe zu festigen und Kleinigkeiten zu perfektionieren. Am Wettkampftag dürfe nicht mehr ausprobiert werden müssen, wo ein Werkzeug liege oder welcher Handgriff als Nächstes folge. Lehmann betonte zugleich die Wirkung der beiden Teilnehmer auf den Nachwuchs. Solche Vorbilder zeigten, dass man auch mit einem handwerklichen Beruf grosse Ziele erreichen könne.
Die Delegierten wurden eingeladen, zwei Schweizer Fahnen mit persönlichen Botschaften zu unterschreiben. Die beiden Teilnehmer sollen sie nach Shanghai mitnehmen und dort spüren, dass die gesamte Branche hinter ihnen steht.
Felix Wyss schloss die Delegiertenversammlung mit einem Dank an Zentralvorstand, Geschäftsleitung, Kommissionen, Sektionspräsidenten, Geschäftsstelle, Sponsoren und Partner. Nach einem Vormittag zwischen historischen Flugzeugen, weltpolitischen Verschiebungen, Verbandsreform und WM-Ambitionen blieb ein klares Bild zurück: Die Branche steht vor anspruchsvollen Jahren. Sie wartet jedoch nicht darauf, dass andere ihre Probleme lösen. Sie packt sie selbst an.