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    Was ist eine Schweizer Carrosserie noch wert? Der Umsatz allein entscheidet nicht

Von Dennis Schneider (Text)

Eine Carrosserie kann volle Hallen haben – und für einen Käufer trotzdem verdächtig leer aussehen. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Umsatz ein Betrieb erzielt. Entscheidend ist, wem dieser Umsatz gehört. Dem Unternehmen? Einem Versicherer? Einem Flottenmanager? Oder einem Hersteller, der seine Zertifizierung jederzeit neu ordnen kann?

Wie ernst diese Frage geworden ist, zeigt eine Analyse aus den USA. Eine wichtige Ausnahme bildet dabei Joe Hudson’s: Die auf Unfallreparaturen spezialisierte US-Kette betrieb 258 Standorte, vor allem im Südosten des Landes, und wurde Anfang 2026 vollständig vom Konkurrenten Gerber Collision & Glass übernommen. Weil dieser einzelne Grossdeal die Statistik massiv verzerren würde, rechnet Focus Advisors ihn separat.

Ohne die Joe-Hudson-Übernahme kamen die beobachteten Reparaturgruppen im ersten Halbjahr 2026 zusammen auf 81 zusätzliche Standorte. Im Vorjahreszeitraum waren es mehr als 200, 2024 sogar über 300. Die grossen Ketten schalteten zurück. Kleinere, häufig von Finanzinvestoren unterstützte Gruppen wuchsen dagegen fünf- bis siebenmal schneller.

Erstellt hat die Analyse Focus Advisors. Das US-Unternehmen ist auf sogenannte M&A-Transaktionen im Reparaturmarkt spezialisiert. M&A steht für «Mergers and Acquisitions», also Fusionen sowie Käufe und Verkäufe von Unternehmen. Focus Advisors begleitet insbesondere Eigentümer von Carrosserie- und Reparaturketten bei der Suche nach Käufern, der Bewertung ihrer Betriebe und der Abwicklung des Verkaufs.

Besonders brisant ist ein Befund aus dieser Beratungspraxis. Laut Focus Advisors beeinflussen Versicherungspartnerschaften und die regionale Verteilung gesteuerter Schäden inzwischen direkt die Kaufofferte. Selbst Umsätze von Tesla-zertifizierten Betrieben würden teilweise tiefer bewertet, weil Käufer den Fortbestand der Zertifizierung nicht als gesichert betrachteten. Allerdings beruhen diese Angaben auf eigenen Marktbeobachtungen eines Unternehmens, das selbst an solchen Transaktionen verdient. Eine neutrale Branchenstudie ist die Analyse deshalb nicht.

Für die Schweiz lässt sich daraus kein fertiger Bewertungsabschlag ableiten. Öffentliche Daten über Verkäufe von Carrosseriebetrieben und deren Preise fehlen. Doch die Abhängigkeit von gesteuerten Schäden ist längst sichtbar. Bei Zurich ist das eigene Reparaturnetz standardmässig in der Motorfahrzeugversicherung enthalten. Allianz lockt bei der Wahl eines Partnerbetriebs mit Prämienrabatten oder reduziertem Selbstbehalt.

Eine Netzwerkmitgliedschaft ist keine Übernahme. Wirtschaftlich kann sie trotzdem darüber entscheiden, wie viele Fahrzeuge durch das Tor rollen. Genau darin liegt die Stärke – und die Gefahr. Ein Betrieb mit hohem Anteil gesteuerter Schäden besitzt planbare Auslastung. Verlässt ein Versicherer das Netzwerk oder verteilt die Aufträge neu, kann aus Planbarkeit erstaunlich schnell Durchzug werden.

Wer eine Schweizer Carrosserie verkaufen oder übernehmen will, muss deshalb genauer rechnen: Wie hoch ist der Deckungsbeitrag je Auftraggeber? Wie stark ist der Betrieb von einem einzigen Versicherer, Importeur oder Flottenkunden abhängig? Bleiben Zertifizierungen, Schlüsselpersonen und Kundenbeziehungen bei einem Eigentümerwechsel erhalten? Welche Investitionen stehen bei Lackieranlage, Kalibriertechnik, Hochvolt-Arbeitsplätzen und Gebäude an?

Der Käufer erwirbt keine Lackierkabine mit Kundschaft. Er erwirbt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kundschaft auch morgen noch kommt. Genau diese Wahrscheinlichkeit bestimmt zunehmend den Preis.