Erfinden, musizieren, reisen, malen, fischen, fliegen, kochen, sammeln – viele Fachleute aus der Carrosserie-, Lackier- und Automobilbranche haben die tollsten Hobbies. Wir haben einiges über diese Personen und ihre Steckenpferde erfahren. Wer welchem Freizeitvergnügen frönt, lesen Sie in der Serie «Hobbies und Leidenschaften der Carrossiers», die wir in loser Folge «abdrucken».
Heute: Remo Anderegg (49), Segler, Betriebsleiter Remund AG, Büchseln (FR)
Von Heinz Schneider (Text)
Remo Anderegg ist keiner, der sein bisheriges Berufsleben bloss abgesessen hätte. Er hat es von Grund auf gelernt: Zuerst als Carrosseriespengler, später mit Berufs- und Meisterprüfung, danach mit zusätzlicher Erfahrung im Verkauf bei der AMAG. Es folgten zwölf Jahre bei «Inter Bus» in Kerzers, seit dem 1. März 2026 ist er Betriebs- und Kundendienstleiter bei Remund.
Einer also, der Verantwortung nicht scheut, Abläufe kennt und mit beiden Beinen im Berufsalltag steht – was seine spätere Entscheidung, zusammen mit seiner Ehefrau Marie-Louise alles hinter sich zu lassen und mit dem Segelschiff aufzubrechen, nur noch bemerkenswerter macht. Man könnte also auch sagen: Der 49-Jährige ist einer, der weiss, wie man Strukturen führt, Menschen begleitet und notfalls auch mit Windstärke statt Werkstattordnung zurechtkommt.
Denn irgendwo zwischen Beruf, Verantwortung und Alltag hat ihn vor rund 25 Jahren das Segeln gepackt – zunächst ganz klassisch auf kleiner Flamme, mit der Prüfung für Seen, später mit jener für Hochsee. Was als kontrollierte Annäherung begann, wurde über die Jahre zu einer Leidenschaft mit Langstreckenpotenzial. Spätestens 2015, als Remo und seine Frau Marie-Louise in Köln im Stadthafen ihre «Rosalie» fanden, war klar: Das ist keine Ferienlaune mehr, das ist eine Beziehung.
Rosalie ist ein 10,5 Meter langes und 3,4 Meter breites Segelschiff der schwedischen Marke Hallberg-Rassy – jene Werft, deren Name unter Fahrtenseglern ungefähr so ehrfürchtig ausgesprochen wird wie in anderen Milieus Ferrari, Patek Philippe oder Grossmutters Züpfe-Rezept. Solide, hochwertig, gebaut für Menschen, die das Meer nicht bloss anschauen, sondern befahren wollen.
Anfang 2024 kam dann jener Moment, den viele kennen und die wenigsten nutzen: Der Punkt, an dem ein Traum entweder angepackt wird oder für immer im Schrank der guten Vorsätze hängen bleibt. Remo kündigte seine Leitungsfunktion bei «Inter Bus», Marie-Louise tat dasselbe an ihrem Arbeitsplatz. Zwölf Jahre lang hatte sie den Alterssitz Neuhaus in Münsingen geleitet – ebenfalls keine Aufgabe für Menschen mit losem Nervenkostüm. Gemeinsam entschieden sie sich für das, was Aussenstehende gern als Abenteuer etikettieren. Für sie war es eher eine späte, aber konsequente Form von Freiheit. Der Plan war so einfach wie radikal: Mit Rosalie so lange wie möglich unterwegs sein. Ohne fixes Enddatum. Mit Budget, ja. Mit Uhr im Nacken, nein. Wenn das Geld aufgebraucht ist, ist die Reise vorbei – so der Plan.
Am Ende wurden daraus knapp zwei Jahre, von April 2024 bis Dezember 2025, und rund 13 000 Kilometer auf See. Eine Strecke, bei der man mit dem Auto irgendwann unweigerlich nach dem Tempomat greift und sich über einen Baustellenstau beklagt. Auf einem Segelschiff hingegen beginnt die eigentliche Arbeit dort, wo man an Land gerne von Entschleunigung schwärmt.
Los ging es in Deutschland, dann weiter nach Dänemark, Schweden und Norwegen. Es war der Auftakt zu einer Reise, die früh zeigte, dass das Meer zwar vieles ist – schön, weit, majestätisch –, aber ganz sicher kein Wellnessprogramm mit Panoramablick. In Norwegen der erste Schock: Remo erlitt einen Blinddarmdurchbruch und musste ins Spital. Glück im Unglück, könnte man sagen.
Nach dieser Zäsur ging es weiter, über Schottland und Nordirland, der englischen Westküste entlang, später ins Mittelmeer nach Portugal und Spanien, Richtung Gibraltar. Dort wurde überwintert. Im zweiten Jahr führte der Kurs von Mallorca weiter nach Sardinien, Korsika, Malta und Sizilien, dann unter dem italienischen Stiefel hindurch nach Griechenland ins Ionische Meer. Dort blieben die Andereggs gleich zwei Monate. Land, Leute, Essen – manchmal reicht diese Dreifaltigkeit, um einem Ort näherzukommen als es jeder Reiseführer vermag. Danach ging es weiter Richtung Südfrankreich.
Wer nun glaubt, eine solche Reise bestehe hauptsächlich darin, in eine flirrende Horizontlinie zu starren und «dem lieben Gott die Zeit zu stehlen», wie man so schön sagt, liegt gründlich daneben. Segeln auf dieser Strecke ist weniger Postkartenromantik als permanente Denkarbeit. Die Routenplanung frisst Zeit und Nerven. Im Norden machen Strömungen das Leben schwer, im Mittelmeer übernehmen Winde wie der Mistral die Rolle des strengen Chefs, der sagt, wo es lang geht. Bei gutem Wind kommt man komfortabel voran. Bei mehr Wind wird aus der Idyllik schnell Arbeit – und zwar deutlich aufwändiger als Autofahren, auch wenn manche Landratte das erst glaubt, wenn sie einmal selber versucht hat, bei flatterndem Segel und schrägem Horizont ein Konfibrot zu schmieren.
Überhaupt: der Alltag an Bord. Auch er hat wenig mit den sauberen Ferienprospekten zu tun. Morgens muss das Essen für den ganzen Tag vorbereitet werden, denn während des Segelns wird nicht gekocht. Es wird gesteuert, beobachtet, getrimmt, entschieden. Wer längere Passagen durchsegelt, braucht ein System. Einer segelt, der andere schläft. Oder wacht. Oder tut beides abwechselnd in jener halbkonzentrierten Form, die nur Menschen kennen, die wissen, dass draussen jederzeit Berufsschiffe kreuzen oder der Wind plötzlich eine andere Meinung haben könnte. Romantik ja – aber nur mit Wachrhythmus.
Normalerweise war Rosalie mit etwa zehn Stundenkilometern unterwegs. Kein Tempo für Eilige, aber eines, das den Blick schärft. Und manchmal auch den Appetit. Denn unterwegs wurde gefischt, mit beachtlichem Erfolg: Frischer Thunfisch und Goldmakrelen kamen an Bord, auch zur Freude der Freunde, die ab und zu auf Besuch waren. Doch so sehr die Reise vom Wasser geprägt war, so sehr lebte sie auch von den Wegen an Land. Die Andereggs erkundeten Südengland im Mietauto, verbrachten eine Woche in Sizilien, gingen in Schottland auf Distillerie-Tour und fuhren in Spanien unter anderem mit dem öffentlichen Verkehr zur Alhambra. Für Oslo hatten sie einen dreitägigen Aufenthalt geplant – vom Hafen aus ging es mit dem Zug in die Stadt. Das ist vielleicht das Schönste an einer solchen Unternehmung: Dass sie nicht bloss Strecke macht, sondern Räume öffnet. Nicht nur geografisch, sondern auch im Kopf.
Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Reise. Nicht die 13 000 Kilometer. Nicht die Häfen, nicht die Logbücher, nicht einmal die Bilder von Rosalie vor schroffer Küste oder in mediterranem Abendlicht. Sondern die Erkenntnis, die sich unterwegs eingestellt hat. «Wir haben in dieser langen Zeit nichts von alledem vermisst, was wir zuhause zurückgelassen haben. Das hat uns ein bisschen demütig gemacht», fasst Remo Anderegg zusammen. Ein bemerkenswerter Satz, gerade weil er ohne Grossgeste auskommt. Er klingt nicht nach Flucht und nicht nach Triumph. Eher nach einer stillen, ehrlichen Bilanz. Die man in etwa auch so lesen könnte: Zwei Menschen brechen auf, um einen alten Traum einzulösen, und kehren mit einer Einsicht zurück, die grösser ist als jeder Törn. Dass man erstaunlich wenig braucht. Dass Freiheit nicht laut sein muss. Und dass ein gut gebautes Schiff, ein klarer Kurs und die richtige Person an Bord manchmal mehr tragen als man an Land je vermutet hätte.
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