Dennis Schneider (Text)
Nachhaltigkeit ist eine grossartige Sache. Besonders dann, wenn das gebrauchte Ersatzteil im Auto des Nachbarn landet. Beim eigenen Wagen endet die automobile Kreislaufwirtschaft dagegen erstaunlich oft schon an der Werkstatttür.
Das zeigen Zahlen der Allianz. In einer Befragung erklärten sich 89 Prozent der Teilnehmenden grundsätzlich offen für eine Reparatur mit zertifizierten Gebrauchtteilen. Wurde ihnen diese Möglichkeit später tatsächlich angeboten, entschied sich jedoch nur rund jeder zweite geeignete Kunde dafür. Zwischen Zustimmung und Bestellung liegt offenbar ein beträchtlicher Sicherheitsabstand.
Eine britische Erhebung des Versicherers Aviva zeichnet ein ähnliches Bild. 58 Prozent der Befragten konnten sich gebrauchte Fahrzeugteile grundsätzlich vorstellen. Gleichzeitig erwarteten 73 Prozent, dass ihnen die Werkstatt zuerst ein Neuteil anbietet.
Auch die Gründe der Skeptiker sind aufschlussreich: 39 Prozent verlangten eine verlässliche Garantie, 37 Prozent zweifelten an der Haltbarkeit und 27 Prozent sorgten sich um die Sicherheit. Nachhaltigkeit? Selbstverständlich. Aber bitte ohne Risiko, ohne Wertverlust und möglichst ohne sichtbaren Unterschied. Also eigentlich wie neu – nur ökologischer.
Dabei sprechen die Umweltzahlen klar für das Reparieren. Eine Untersuchung des Allianz-Zentrums für Technik kam am Beispiel eines VW ID.3 zum Schluss, dass die Reparatur eines beschädigten Scheinwerfers gegenüber dem Einbau eines Neuteils beinahe 1000 Euro und 98 Prozent der damit verbundenen CO₂-Emissionen einsparen kann.
Auch ein fachgerecht instand gesetztes Carrosserieteil ist nicht automatisch schlechter als ein neues. Bei eingeschweissten Teilen kann der Ersatz sogar den grösseren Eingriff darstellen, weil dabei originale Schweisspunkte, Klebeverbindungen und der Korrosionsschutz verändert werden. Eine dünne Schicht professionell verarbeiteter Spachtelmasse ist deshalb noch lange kein Pfusch. Kiloweise Polyester auf kaum gerichtetem Blech hingegen schon.
Die entscheidende Frage lautet also nicht einfach «Reparieren oder ersetzen?». Sie lautet: Was darf repariert werden, wie wird es repariert und wer kontrolliert das Ergebnis?
Wie wichtig diese Kontrolle ist, zeigt ein Fall aus dem US-Bundesstaat Michigan. Der ehemalige Polizeioffizier Jonathan Chase war in Lincoln Township für die Abnahme rekonstruierter Totalschadenfahrzeuge zuständig. Solche Prüfungen sollen bestätigen, dass die Fahrzeuge wieder verkehrssicher sind und die verbauten Komponenten nicht aus gestohlenen Fahrzeugen stammen.
Chase reichte jedoch gefälschte Prüfbescheinigungen ein. Die Anklage vom Oktober 2025 umfasste acht Fälle falscher Zertifizierung, zwei Computerstraftaten und Amtsmissbrauch. Im August 2026 wurde der 55-Jährige zu 18 Monaten Bewährung verurteilt, davon 90 Tage im Gefängnis. Wie viele Fahrzeuge tatsächlich betroffen waren und ob sie nachträglich kontrolliert wurden, teilten die Behörden nicht mit.
Der Fall beweist nicht, dass reparierte Fahrzeuge grundsätzlich unsicher sind. Er zeigt etwas anderes: Sobald schwer beschädigte Autos mit gebrauchten Teilen wieder aufgebaut werden, braucht es nachvollziehbare Reparaturen, eine lückenlose Teileherkunft und unabhängige Kontrollen. Fehlt nur eines davon, wird aus Kreislaufwirtschaft schnell ein Glücksspiel mit Airbags, Crashzonen und Schweissnähten.
In der Schweiz schreibt Artikel 34 der Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge vor, dass die Polizei Fahrzeuge mit starken Unfallschäden der Zulassungsbehörde meldet. Diese müssen vor der erneuten Verwendung nachgeprüft werden.
Doch was geschieht mit einem Totalschaden, der im Ausland repariert und erst danach in die Schweiz importiert wird? Wer dokumentiert die Herkunft gebrauchter Strukturteile, Sensoren oder Airbags? Und erkennt eine gewöhnliche Motorfahrzeugkontrolle jede verdeckte Reparatur? Ein amerikanisches System mit einem dauerhaft sichtbaren «Rebuilt Salvage»-Eintrag in den Fahrzeugpapieren kennt die Schweiz in dieser Form nicht.
Reparieren statt ersetzen bleibt sinnvoll. Ökologisch, wirtschaftlich und oft auch technisch. Aber Nachhaltigkeit darf nicht bedeuten, dass Versicherer Reparaturquoten erhöhen, während Werkstätten das Risiko übernehmen und Kunden erst nachträglich erfahren, was an ihrem Fahrzeug verbaut wurde.
Denn die Umfragen zeigen den eigentlichen Konflikt ziemlich ungeschminkt: Fast alle möchten die Umwelt retten. Nur das fabrikneue Ersatzteil möchten viele trotzdem. Am liebsten beides – und selbstverständlich ohne Aufpreis.