Von Dennis Schneider (Text)
Kürzlich stellte sich «auto-schweiz» an die Jahresmedienkonferenz und tat, was Verbände am liebsten tun: Alarm schlagen – aber diesmal mit Zahlen, die selbst abgebrühte Polit-Optimisten kurz schlucken lassen müssten. Der Schweizer Neuwagenmarkt dümpelt auf einem historischen Tief herum. 2025 wurden knapp 234’000 Personenwagen neu zugelassen – so wenig wie seit 25 Jahren nicht mehr, wenn man die Corona-Ausnahme ausklammert. Europa tastet sich zurück, die Schweiz bleibt deutlich unter dem Vor-Pandemie-Niveau von über 300’000 Fahrzeugen pro Jahr. Zufall? Pech? Oder doch das Resultat einer Politik, die Mobilität gleichzeitig verteuern und moralisch erziehen will – und sich dann wundert, dass niemand begeistert mitspielt.
«auto-schweiz» macht die Diagnose gleich selbst: Überregulierung, hohe Energiepreise, fehlende marktwirtschaftliche Anreize. Hausgemacht, also. Und ja, die Importwirtschaft verweist dabei auf das, was sie als Gegenargument gegen den Vorwurf der «Bremser» in Stellung bringt: Die Hersteller investieren in Europa Jahr für Jahr mehr als 80 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung – mehr als jede andere Branche. Angebot gibt’s ebenfalls: rund 300 elektrifizierte Personenwagen, dazu etwa 70 elektrifizierte Lieferwagen und 45 elektrifizierte Lastwagen, quer durch Preis- und Nutzungskategorien. Die Auslage ist voll. Nur greift das Publikum nicht so zu, wie es die Politik gerne hätte.
Denn der Hochlauf der Elektromobilität bleibt zäh. Der Marktanteil der Steckerfahrzeuge lag 2025 bei rund 34 Prozent – deutlich unter den politischen Zielwerten. Die 50-Prozent-Marke der «Roadmap» des Bundes wird verfehlt, und zwar nicht knapp, sondern deutlich. Hier prallen zwei Logiken aufeinander: Auf der einen Seite eine Politik, die mit festen Fristen arbeitet, auf der anderen ein Markt, der sich nicht per Parole oder Sanktionsdrohung über Nacht umprogrammieren lässt. Das Ergebnis ist weniger ein «Durchmarsch» als ein Reibungsverlust, den am Ende alle spüren – Branche, Kundschaft und Klimabilanz.
«auto-schweiz» schiebt die Verantwortung weg von «zu wenig Angebot» hin zu «zu schlechte Rahmenbedingungen». Hohe Strompreise, ungenügende städtische Ladeinfrastruktur, regulatorische Unsicherheit – und obendrauf neue Steuer- und Abgabenpläne, die Private wie Flottenkunden verunsichern. Peter Grünenfelder, Präsident von «auto-schweiz», formuliert es sinngemäss als Schluss mit dem Drangsalieren: Die Politik solle aufhören, die Automobilwirtschaft zu traktieren und Mobilität zu verteuern; nötig seien ein funktionierendes Ökosystem für Elektromobilität, Investitionssicherheit und verlässliche Signale. Die Pointe daran: Genau diese Verlässlichkeit fehlt ausgerechnet dort, wo der Staat am lautesten nach Tempo ruft.
Im Zentrum der Kritik steht der «Schweizer Sonderweg» bei den CO₂-Vorgaben. Die Schweiz kenne eines der rigidesten Sanktionsregimes Europas – mit Strafzahlungen im dreistelligen Millionenbereich, die einseitig die Importeure treffen, unabhängig davon, was Kunden effektiv kaufen. Donato Bochicchio, Vizepräsident von «auto-schweiz», hält dem entgegen, dass «das restliche Europa» seine Vorgaben flexibilisiert und marktnäher ausrichten will, während die Schweiz am Modell festhalte, das Mobilität verteuere und Ersatzinvestitionen schwäche. Das ist nicht nur ein Branchen-Lamento, sondern ein handfester Zielkonflikt: Wer Klimaziele erreichen will, sollte Umstieg ermöglichen – nicht gleichzeitig die Eintrittspreise erhöhen und die Regeln im Halbjahrestakt umschreiben.
Dazu passt die Warnung vor einer E-Abgabe auf Elektrofahrzeuge. «auto-schweiz» nennt sie zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv: Solange Elektrofahrzeuge nur einen kleinen Anteil am Gesamtbestand ausmachen, würden neue Belastungen den von der Politik gewünschten Schub eher abwürgen als auslösen. Mit anderen Worten: Erst ruft man «alle sollen elektrisch», dann legt man eine Zusatzgebühr drauf – als würde man beim Treppenhausbrand noch rasch die Fluchtwege mautpflichtig machen. Bei der «LSVA» wiederum fordert der Verband für den Schwerverkehr langfristige Planungs- und Investitionssicherheit sowie verlässliche Übergangsregelungen, damit Unternehmen weiter in emissionsarme Lastwagen investieren. Gerade hier verweist die Branche gerne auf den bisherigen Erfolg der Schweizer Verkehrspolitik bei der Elektrifizierung des Schwerverkehrs – und warnt davor, diesen Vorsprung durch neue Unsicherheiten zu verspielen.
Das Forderungspaket ist entsprechend breit – und erstaunlich klar auf «weniger Staat, bessere Infrastruktur» getrimmt. Erstens: Autowirtschaft deregulieren, ein rasches Ende bürokratischer Auflagen ohne Lenkungswirkung. Zweitens: keine neuen Steuern und Abgaben, explizit genannt werden E-Abgabe und LSVA. Drittens: Abschaffung der 4-prozentigen Automobilimportsteuer. Viertens: Preiswettbewerb im Strommarkt – als Gegenmittel zur Strompreis-Realität, die E-Mobilität im Alltag weniger attraktiv macht. Fünftens: Übernahme europäischer Flexibilisierungsmassnahmen und Verzicht auf den kostenverursachenden «Swiss Finish». Sechstens: CO₂-Sanktionsmechanismus überarbeiten und weg von einer millionenschweren, aus Branchensicht unwirksamen Sanktionspolitik hin zu mehr Technologieoffenheit. Siebtens: Öffentliche Ladeinfrastruktur in Städten beschleunigt ausbauen und das «Recht auf Laden» umsetzen, wie es Helmut Ruhl, Vizepräsident von «auto-schweiz» und CEO der «AMAG Group», betont. Achtens: Das Infrastrukturprogramm «Verkehr ’45» müsse mehr Projekte für den Strassenverkehr liefern.
Gerade beim letzten Punkt wird der Verband ungewohnt scharf. Der Strassenverkehr erbringe den Grossteil der Personen- und Güterkilometer und finanziere sich selbst, dennoch würden notwendige Projekte aus politischen Gründen zurückgestellt. Ergebnis: rund 55’000 Staustunden pro Jahr, volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe. Gleichzeitig, so das Argument, zahlen Automobilisten bereits heute jährlich rund 13 Milliarden Franken an Steuern und Abgaben – mehr als kostendeckend für die Infrastruktur. Diese Mittel müssten konsequent der Mobilitätsinfrastruktur zugutekommen; jede Zweckentfremdung untergrabe Akzeptanz und Vertrauen. Übersetzt: Wer zahlt, will nicht als Melkkuh gehalten werden, während die Strassen verstopfen und die Politik sich am «Lenken» berauscht.
Unterm Strich ist die Botschaft von «auto-schweiz» simpel: Klimaziele ja – aber ohne Schweizer Straflogik und ohne regulatorisches Dauerfeuer. Der Markt ist schwach, die Elektrifizierung kommt voran, aber nicht im politisch gewünschten Tempo, und jede zusätzliche Unsicherheit wirkt wie eine weitere Bremse. Die Politik peilt 50 Prozent Steckeranteil an, doch die Realität sind hohe Strompreise, Lücken bei der Ladeinfrastruktur und ein Klima ständiger Ankündigungen und Verschärfungen. Am Ende bleibt die Ironie, dass ausgerechnet jene, die Mobilität «steuern» wollen, sie Schritt für Schritt aus dem Bereich des Bezahlbaren steuern – und sich dann wundern, wenn der Umstieg nicht schneller gelingt.