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    Hobby-Serie: Domenik Wylers Doppelleben – ein Spengler, der zum Ritter wird

Erfinden, musizieren, reisen, malen, fischen, fliegen, kochen, sammeln – viele Fachleute aus der Carrosserie-, Lackier- und Automobilbranche haben die tollsten Hobbies. Wir haben einiges über diese Personen und ihre Steckenpferde erfahren. Wer welchem Freizeitvergnügen frönt, lesen Sie in der Serie «Hobbies und Leidenschaften der Carrossiers», die wir in loser Folge «abdrucken».

Heute: Domenik Wyler (37), Buhurter, Betriebsleiter bei Carrosserie Frederiksen AG

Von Heinz Schneider (Text)

Unter der Woche richtet Domenik Wyler Carrosserien. Er bringt Bleche wieder in Linie, liest Spaltmasse und weiss, dass ein sauber gerichteter Vorderwagen mehr mit Geduld als mit Gewalt zu tun hat. Am freien Tagen aber, wenn der Kalender mitspielt, steigt der Berner in 45 Kilo Stahl, klappt das Visier runter und lässt sich auf eine Welt ein, in der ein freundlicher Händedruck oft kurz vor einem unfreundlichen Zusammenprall kommt.

Wyler ist gelernter Carrosseriespengler, einer also, der weiss, was Blech aushält – und was nicht. Er hat sich laufend weitergebildet, vom Berufsfachmann bis zum Werkstatt-Koordinator, dazu diverse Kurse beim Verband besucht. Heute ist er Betriebsleiter der Carrosserie Frederiksen AG in Wilderswil im Berner Oberland. Ein Mann aus der Praxis, kein Schreibtischritter. Wobei: Ritter, das stimmt in seinem Fall eben doch ein bisschen.

Denn der 37-Jährige frönt in seiner Freizeit dem Buhurt. Dabei handelt es sich um einen modernen Kampfsport mit mittelalterlichen Einflüssen. Und zwar nicht mit Schaumstoffschwert, Filzhut und Metstand-Romantik, sondern mit Stahl, Regeln, Kondition, Technik – und gelegentlich Blessuren.

Irgendwann entdeckte Wyler den Sport im Internet. Ein paar Videos, Kämpfe, ein paar Männer in Rüstungen, die mit stumpfen Stahlwaffen aufeinander losgehen – und er war angefixt. Er ging ins Training, in die Szene rund um Gurmels bei Murten, wo einer von vier Schweizer Vereinen aktiv ist. Bald darauf legte er sich eine eigene Rüstung zu. Solche Ausrüstungen kommen meist aus Polen, Russland oder der Ukraine – aus Gegenden also, in denen man offenbar nicht nur weiss, wie man Stahl schmiedet, sondern auch, wie man ihn so an den Körper bringt, dass man sich darin bewegen kann, ohne auszusehen wie ein umgekippter Heizkessel.

Der Name Buhurt wird vom altfranzösischen «béhourd» oder «bouhourt» hergeleitet. Je nach Quelle lässt sich das mit Turnier, Zusammenprall oder etwas volkstümlicher und durchaus treffend, mit «to wallop» erklären – also: einem eins auf die Mütze geben. Im Mittelalter war der Buhurt ein ritterliches Kampfspiel, bei dem eine Gruppe gegen eine andere antrat. Es war eine Art Turnier, eine Schlacht im Kleinformat.

Gekämpft wird in einer abgegrenzten Arena, der «List.» Ziel im klassischen Team-Buhurt ist es, den Gegner regelkonform zu Boden zu bringen. Häufig gilt: Wer neben den Füssen einen dritten Kontaktpunkt am Boden hat – Knie, Hand, Schild oder Waffe –, ist aus dem Gefecht. Das ist dann eindeutig. Unten ist unten.

Bei den Teamkämpfen treten fünf gegen fünf an, dazu kommen drei Reservekämpfer. Ein Supporter komplettiert die Equipe. Der ist nicht einfach der nette Kollege mit der Wasserflasche, sondern repariert auch beschädigte Rüstungsteile, ersetzt gerissene Lederriemen und sorgt dafür, dass der Kämpfer wieder einsatzbereit ist. Auch die Schiedsrichter haben ihren Auftritt. Fünf Marshalls überwachen das Geschehen, ausgerüstet mit Stangen, an denen gelbe Fahnen befestigt sind. Mit ihnen greifen sie in den Wettkampf ein oder brechen ihn ab, wenn es nötig wird.

Die Stahlausrüstung – bestehend aus Brustpanzer, Helm, beweglichen Teilen für Ober- und Unterarme, Polsterhose und Polsterjacke – müssen authentisch sein und aus derselben historischen Zeit stammen. Das wird vorab geprüft. Ein wilder Mix aus Spätmittelalter-Helm und Hollywood-Handschuh hat keine Chance. Das Ganze ist Schutz, Last und Sauna zugleich. Rund 45 Kilo trägt ein Kämpfer am Körper. Bei 25 Grad wird daraus ein sehr eigenes Wellnessprogramm: Stahlguss statt Dampfbad, Adrenalin statt Kräutertee. Der Helm lässt einen praktisch die eigene Luft wieder einatmen. Wer das einmal erlebt hat, versteht rasch, warum Buhurt nicht einfach Kraftsport ist. Man braucht Technik, Balance, Standfestigkeit und Ausdauer.

Wyler bringt für diesen Sport einiges mit. Er spielt auch Handball, als Kreisläufer in einer Zweitliga-Mannschaft. Dort geht es ebenfalls selten um zarte Andeutungen. Am Kreis wird geschoben, gehalten, gedrückt, gerempelt – und manchmal diskutiert der Körper schneller mit als der Kopf. Interessanterweise sagt Wyler, er habe im Handball mehr Verletzungen erlebt als im Buhurt. Tatsächlich ist Buhurt hart, aber organisiert. Es gibt Regeln.

Der Verein in Gurmels, dem Wyler angehört, hat bereits das alljährlich durchgeführte Turnier im deutschen Münzenberg gewonnen. Ein Teil des Teams schaffte es sogar mit der Nationalmannschaft an die WM nach Barcelona und Prag. Dort war jeweils nach der Vorrunde Schluss, aber wer in einer Rüstung an einer WM steht, hat mehr erlebt als viele, die am Montagmorgen im Büro erzählen, sie hätten am Wochenende «auch noch etwas gemacht». Besonders Barcelona ist Wyler bestens in Erinnerung geblieben. Ein Top-Anlass sei das gewesen, ausgetragen in einer Stierkampf-Arena. Man stelle sich das vor: Wo einst andere Rituale zwischen Sand, Publikum und Pathos stattfanden, stehen nun Männer in Stahlrüstungen und kämpfen nach mittelalterlich inspirierten Regeln.

Domenik Wyler liebt diese Anlässe. Nicht nur wegen der Kämpfe. Sondern wegen des Eintauchens. Für eine gewisse Zeit lebt man im Mittelalter-Zelt, teilt Lager, Gespräche, Ausrüstungssorgen und kleine Siege. Der Arbeitsalltag verschwindet. Keine Termine, keine Auftragsplanung, keine Richtzeiten. Stattdessen Zeltplane, Stahl, Teamgeist und dieser spezielle Zustand, wenn der Kopf ganz im Jetzt ist. «Man ist dann voll im Moment drin, weit weg von der Berufshektik. Man kann auf eine andere Art Vollgas geben, das ist ein gutes Ventil», sagt Wyler. Ein Satz, der vieles erklärt. Schliesslich betreibt er einen Kampfsport, der Reaktionsfähigkeit, Disziplin und Teamarbeit verlangt. Und den Willen, nach einem Treffer nicht gleich das innere Beschwerdeformular auszufüllen.

Privat steht Wyler mitten im Leben. Seit Kurzem ist er mit Barbara Rösli verlobt. Sie ist in der Hotellerie tätig und gehört der Geschäftsleitung der Hotel Kemmeriboden-Bad AG in Schangnau an. Ein schönes Detail: Er, der Mann mit Rüstung, Richtbank und Ringkampf – und sie beruflich dort daheim, wo Gastlichkeit, Organisation und ein gewisser Sinn für feine Abläufe zählen.

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